Aida im Theater Osnabrück

Geballte Klangwucht

Erst im dritten und vierten Akt ist sie endlich da – die Ruhe, ohne die eine Auslotung der Figurenkonstellation nicht möglich ist: Dort bekommt man eine Ahnung von der Tragik der Dreiecksgeschichte zwischen Aida, Amneris und Radamès; können sich die Figuren auf Étienne Pluss’ in edlen Grautönen gehaltener Bühne entfalten, einen Hauch von tiefen Empfindungen versprühen, Mitleid erheischen.

Das war vor der Pause ganz anders: hier schien es, als ob Regisseurin Yona Kim sich nicht hat entscheiden können zwischen Antikriegsdrama, Religionskritik mit saftig-banal bebildertem Weihrauchrausch und einer Geschichte aus der Antike. Heraus kommt auf der Bühne eine recht krude Parodie mit altägyptischen Götterstatuen, Anklängen an italienisch-faschistische Uniformen, Schlachtengetöse vom Band und 30er-Jahre Nazi-Blondinen. Kim versucht alles, aber auch wirklich alles zu verarbeiten, was Aida irgend hergibt: von brutaler Staatsmacht bis zu Religion als „Opium für das Volk“. Dabei zeigt sie teilweise schöne Ideen, aber eine klare Linie geht im Tohuwabohu der Szenen mit ihren vielen - leider nicht immer tiefgehenden - symbolischen Handlungen unter. Und so wirken Krummstäbe und Götterköpfe fast wie eine Aida-Parodie. Verdis Oper mit nur ein bisschen Ägypten – das hat nicht funktioniert.

Bewegung geht weitestgehend vom Chor aus. Kim stellt ein hysterisches, immer mal wieder alkoholisiertes Kollektiv auf die Bühne. Den Protagonisten weist Kim im ersten Teil lediglich die Aufgabe zu, von der Rampe aus ins Publikum zu singen. Und das tun sie, als wollten sie sich die Seele aus dem Leib singen. Ohrenbetäubend tönen fast alle Solisten von der Bühne. Da sehen selbst die Aida-Trompeten beim Triumphmarsch reichlich blass aus.

Jong-Bae Bu und Chihiro Meier-Tejima singen ihre Rollen als Bote und Priesterin typgerecht. Wie Holger Krauses Chor so gehen auch Mark Sampson als König und Genadijus Bergorulko als Ramfis eher rustikal zu Werke. Daniel Moons schöner Bariton (Amorasno) verschwindet leider im allgemeinen Lautstärkepegel etwas.

Krachend ist die Amneris von Jeniece Golbourne, deren Mezzo unter erheblichen Intonationsproblemen leidet und „schön“ mit „laut“ verwechselt. Ricardo Tamura stattet den Radamès mit Dauer-Fortissimo aus – ein ständig Getriebener ohne Zwischentöne. Die gelingen lediglich Lina Liu in der Titelrolle. Vor allem im zweiten Teil wird ihr Leid deutlich erfahrbar.

Daniel Inbal sieht Verdis Aida als einzigen Triumphmarsch, stellt dahinter alles Lyrische zurück und trifft damit voll den Geschmack des Premierenpublikums: Laut kommt gut an!