Sieg der Schönheit im Theater Osnabrück

Mord, Totschlag - und Liebe

Bis 1735 war Georg Philipp Telemanns Singspiel Sieg der Schönheit in Hamburg auf der Opernbühne zu sehen. Danach nicht mehr – bis das Theater Osnabrück zum Saisonende 2011/2012 sich nun dieser Rarität annimmt.

Worum geht es? Die Vandalen (oder Wenden) erobern Rom, plündern und morden vor allem die männliche Bevölkerung, zugleich wollen sie die schönen Römerinnen für sich gewinnen. Doch wie es so geht: angeheizt vom munteren Amor entwickelt sich ein Liebeskarussell - und nach einigen Hindernisse finden sich die Paare! Letztendlich werden aus den kriegslüsternen Männer fromme Lämmchen - und die Frauen haben den Krieg gewonnen.

In Markus Bothes Inszenierung ziehen sie von Beginn an die Strippen – von der Kaiserin Eudoxia bis hin zur Kammerzofe Melite. Der erste Blick des Publikums fällt auf Alexandre Corazzolas römische Stadtmauer, inenandergefügt aus großen Umzugskartons, die in dem Augenblick spektakulär umfällt, als die Stadt erobert und deren Kaiser ermordet wird. Nun liegen die Kartons wie Steine auf der Bühne und die Liebenden suchen darin ihren Weg zum Glück, angeleitet von Amor und einem derben Satyr. Sie stapeln und schleppen die Kisten nach einem nicht ersichtlichen Muster, irren umher und verstecken sich darin. Eine schöne Idee, die jedoch nicht ganz über die zweidreiviertel Stunden Spieldauer trägt. Bothe verzichtet auf die Schärfung der einzelnen Charaktere. Er konzentriert sich vielmehr darauf, die recht verwirrende Handlung zu erzählen. Wobei manche Regieeinfälle wie das Spiegeln der Wörter AMOR und ROMA doch sehr simpel daherkommen.

In Sieg der Schönheit kommt ganz eindeutig der Musik die Hauptrolle zu. Telemanns Singspiel mit seinen munteren Ensembles, seinen sehnsuchtsvollen, glückserfüllten und zu Tode betrübten Arien betätigt sich als Ohrenschmeichler. Das ist alles sehr angenehm und anrührend zu hören, hat jedoch begrenzt nachhaltige Wirkung. Und vielleicht hat Telemann ja genau das auch gewollt: Unterhaltung für den Augenblick.

Ganz großartig umgesetzt wird Telemanns Partitur vom Osnabrücker Symphonieorchester unter dem Spezialisten Michael Schneider. Und was dieser mit den Musikern erarbeitet hat, ist einfach Klasse. Klar und emotionsgeladen zeichnet Schneider die Stimmungen der Arien nach. Gerade diese Feinarbeit wird großartig transportiert, auch die Continuo-Gruppe mit Benjamin Schneider, Lavinia Reck und dem in Inszenierungen von Barockopern offenbar allgegenwärtigen Lautenisten Andreas Nachtsheim leistet präzise und ganz prägnante Arbeit.

Im Solistenensemble gibt es Licht und Schatten: Astrid Kessler (Placidia, Tochter der Kaiser-Witwe Eudoxia) und Marie-Christine Haase (Pulcheria, deren zweite Tochter) meistern ihre Partien sehr ordentlich, können aber nur wenig stimmlichen Glanz verbreiten, während deren Mutter Lina Liu (eben jene Kaiserin Eudoxia) mit ihrem Sopran für das Genre einfach zu schwer ist. Auch Jan Friedrich Eggers als eifersüchtiger Olybrius weist nicht immer die nötige Biegsamkeit und Koloraturensicherheit auf, darin ähnlich Daniel Wagner als Helmiges.

Ausgezeichnet Mark Sampson als Trasimundus und auch Genadijus Bergorulko, der als polternder Satyr seine Sache gut macht. Mächtig aufhorchen lässt Kathrin Brauer als Zofe Melite mit ihrem warmen und ausdrucksstarkem Alt, bruchlos geführt von satter Tiefe bis zu klarer Höhe – eine ausgezeichnete Stimme. Und auch Daniel Moon als Vandalenkönig gefällt mit wendigem Bariton. Das sängerische Glanzlicht setzt allerdings Eva Schneidereit. Sie zeichnet den nachdenklich-traurigen Prinzen Honoricus mit ihrem farbenreichen Mezzo ganz deutlich, voller Selbstbewusstsein und emotionaler Tiefe.

Ob Telemanns Sieg der Schönheit für eine szenische Einrichtung taugt, diese Frage konnte diese Inszenierung nicht abschließend beantworten.