Die Frauen der Toten im Theater Erfurt

Nächtliche Botschaften

Was ist Traum, was Wirklichkeit? Nathaniel Hawthorne lässt diese Frage in seiner Novelle Die Frauen der Toten offen. Worum geht es? Zwei Brüder und ihre Ehefrauen teilen sich ein Haus. Dann bekommen Mary und Margaret – unabhängig voneinander - die Nachricht vom Tode ihrer Ehemänner und trauern. In der Nacht haben beide Frauen nacheinander ein unheimliches Erlebnis. Ihnen wird nämlich berichtet, die Männer seien noch lebendig! Doch keine wagt es, der anderen davon zu berichten, um deren Verzweiflung bloß nicht zu steigern. Doch sind die Geschehnisse dieser Nacht wahr? Und was geht in den beiden Frauen vor?

Genau das rückt Alois Bröder in den Fokus seiner Oper nach Hawthornes Erzählung, die jetzt im Theater Erfurt ihre Uraufführung erlebte.

Bröder zeigt die Handlung gleich zwei Mal: Während zu Anfang die äußere Geschichte erzählt wird, schaut der Komponist in Version II in die Frauengestalten hinein, lotet sie psychologisch aus. Da sind nicht mehr nur die hart arbeitenden einfachen Trauernden. Stattdessen erleben wir ihr Seelenleben, ihre Ängste, aber auch ihre Begierden und ihre Sehnsüchte. Und immer bleibt es spannend. Nie wird genau klar, was Realität ist und was Imagination. Am Ende singt der Chor von den dunklen Seiten der Seele: Mary und Margaret schlafen im selben Bett ein. Vorher nehmen sie Tabletten. Wollen sie einen gesunden Schlaf, um sich dem Alltag zu stellen - oder folgen sie ihren Männern in den Tod?

Regisseurin Gabriele Rech richtet wie Bröder ihr Augenmerk ganz auf die Frauen, baut auf den Kontext von Hawthornes Erzählung und lässt das Ganze in einem einfachen Haus unter einfachen Menschen spielen, deren Leben von Arbeit und Glauben geprägt ist. Das könnte wie bei Hawthorne ein puritanisches Dorf in Neuengland sein, aber auch irgendeine Arbeitersiedlung des 19. Jahrhunderts. Norman Heinrich baut das karge Zuhause von Mary und Margaret, Gabriele Heimann stattet die Protagonistinnen höchst unauffällig aus – äußerlich wirken sie grau, während in ihnen Vulkane lodern. Rech ordnet sich ganz der Musik Bröders unter, evoziert gedämpfte Emotionen – auch hier sind Mary und Margaret von ihrem Umfeld geprägt. Und Rech findet kleine, verblüffend einfache Bilder wie etwa die tropfnasse Uniformjacke des ertrunkenen Seemanns.

Alois Bröder komponiert sehr deskriptiv, ja bildhaft. Er macht deutlich hörbar, was er sagen möchte. Da ist kein doppelter Boden und deshalb ist es leicht, ihm in seinen Aussagen zu folgen.

Johannes Pell dirigiert das Philharmonische Orchester Erfurt. Und lässt Bröders an keiner Stelle stagnierende Partitur effektiv zur Geltung kommen. Imposant ist die ungeheure Schlagwerksbatterie, die das Bildhafte der Musik genau zur Geltung bringt.

Marisca Mulder (Mary) und Mireille Lebel (Margaret) machen den Abend gesanglich zum Ereignis. Einfach großartig, wie sie mit einander kommunizieren, großartig aber auch, wie beide ihr Seelenleben ausbreiten. Da passiert ganz viel: die beiden legen eine ungeheure Fähigkeit zur Nuancierung an den Tag. Das übrige Ensemble steht werkgemäß in ihrem Schatten.

Die Frauen der Toten ist ein Opernabend, der genaues Zuhören und –sehen erfordert. Das sollte man wissen. Mitnehmend oder anrührend ist er nicht - aber ganz sicher lohnend.