Corpo d'Anima im Theater Osnabrück

Hat die Seele einen Körper?

Hat die Seele einen Körper? Kann man sie also sehen, greifen - begreifbar machen? Für Osnabrücks neuen Tanzchef, den 32-jährigen Italiener Mauro de Candia, zeigt sie sich in religiösen Ritualen und Gesten. Aber sind die auch gleich oder wenigstens vergleichbar in den verschiedenen Religionen der Welt? Lassen sie Kommunikation zu, können sie Brücken der Verständigung bauen?

Ein spannendes Thema - naheliegend auch in einer so multikulturellen „Community“ wie Tanzensembles sie heute nun einmal sind. Das Unsichtbare sichtbar zu machen, den Dialog auf die rein körperliche Ebene zu heben in der Sprache, die Tänzer am besten sprechen, die Körpersprache - das versucht Mauro de Candia in seiner ersten Abend-füllenden Choreografie am neuen Standort.

Akribisch hat er die Choreografie vorbereitet. Zu einer Matinee kamen Vertreter unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften und Religionen. Sie sprechen das Thema auch in kurzen - teilweise rein philosophischen - Textbeiträgen im Programmheft an. Aber so ganz gelungen ist die Sichtbarmachung dieses Körpers der Seele durch tänzerische Bewegungen nicht. Was de Candia meint, erfährt der Zuschauer eher aus den Texten des Programmhefts als aus dem Bühnengeschehen. Das Stück gleicht über weite Strecken einem düsteren Requiem zur Passionszeit. „Wir haben ein eigenes Gebet gebaut“, sagt de Candia über das entstandene Stück.

Auf der Bühne ist eine allzu ernste und düstere Szenenfolge zu sehen. Sie beginnt mit einem tänzerisch frappierenden Solo von Etienne Aweh: ein fast nackter, spindeldürrer Mann, gequält, geschunden, dem Tod nahe. Christusgleich. Menschen in schwarzer Kleidung hasten an ihm vorbei, ohne ihn wahrzunehmen. Später finden sich Paare, ringen miteinander, stützen sich gegenseitig, vereinen sich partnerschaftlich, kreisen um die eigene Achse und im Kreis in Andeutung des bekannten, so oft folkloristisch verfremdeten spirituellen Rituals der Derwische, die sich in Trance tanzen, um Gott wahrzunehmen. Einem Männerritual - betende Moslems - folgt eine Frauengruppe. Gefaltete, zusammen gelegte oder himmelwärts geöffnete Hände, gebeugte Knie kehren in der Gestik immer wieder. Unbekleidet tanzt die Gruppe schließlich. Endlich aber erscheint eine Art Engel in wehendem, transparenten Gewand, verteilt ebensolche Kleider. Mit einer himmlischen, wie erlösenden  Sequenz endet das Tanzstück nach nur gut einer Stunde.

Die musikalische Collage besteht fast ausschließlich aus Kompositionen europäischer (christlicher) Komponisten. John Adams' zündende „Shaker Loops“ hätte gut gepasst, jüdischer Klezmer, Soul und orientalische Klänge.

So konkret wie etwa John Neumeier (Matthäuspassion, Magnificat, Mozarts Requiem) wollte de Candia keinesfalls werden. Von den bezwingenden  Bühnenritualen eines Sidi Larbi Cherkaoui ist er weit entfernt. Vor allem fehlt das Element der Lebensfreude, das de Candia in seiner ersten Choreografie so blendend gelang und das durchaus Teil religiöser Rituale ist.