Cyrano im Staatstheater Nürnberg

Barocker Traumtänzer mit Pinocchio-Nase

Alles ein Spuk? Hirngespinst oder Wunschtraum eines missgestalteten Fantasten? In der ersten Szene von Goyo Monteros Cyrano-Tanzstück macht man auf der düsteren Bühne zunächst einen Cluster kopfloser Kreaturen aus, der schwankt und wogt wie Schilf im Wind, sich duckt, sich zur Reihe aufdröselt, zerfällt. Die menschlichen Gestalten tragen alle nichts als schwarze, kurze Tänzertrikots und Schläppchen. Während sie noch ratlos an der Rampe wuseln, plumpsen vom Schnürboden Stoffbündel - barocke Jacken, lange Röcke und dazwischen eine blutrote spitze Nase. Jeder pappt sie sich mal ins Gesicht. Einer spürt sofort: so ein prominenter Gesichtserker setzt den Denkapparat in Bewegung. Das verleiht Macht und Freiheit. Voilà, Cyrano de Bergerac, Zeitgenosse Molières, Haudegen und Raufbold, Autor des ersten Science-Fiction-Romans, Die Reise zum Mond. Edmond Rostand setzte ihm mit seiner „heroischen Komödie“ ein Denkmal. Filmheld Gérard Depardieu drückte dem Abenteurer endgültig  den Stempel der Unsterblichkeit auf (wobei Porträts des pseudo-adeligen barocken Dichter-Denkers eigentlich keine überdimensional lange Nase zeigen).

Der Grafiker Oliver Schuck hat für den Vorhang ein grandioses Fantasiekonterfei entworfen. Das lange Gesicht mit der hohen Denkerstirn wird von oben bis aufs Kinn vom schmalen, hellen Rücken einer Hakennase halbiert. Der Blick versinkt fast zwischen wild wuchernden Wimpern. Monteros Cyrano aber, Saúl Vega, erinnert viel mehr an Pinocchio oder einen Schneemann, dem eine lange Möhre aus dem runden Kopf ragt. Offenbar war Schucks herrliche Hakennase beim Tanzen nicht praktikabel. Tanzen und fechten aber muss dieser Traumtänzer, der seiner schönen Cousine Roxane seine tiefe Verehrung nicht zu gestehen wagt, aber mit größter Selbstverleugnung seinem Freund und Rivalen die Liebesbriefe diktiert. Des Fantasten Don Quichotte Kampf gegen die Windmühlen muss er kämpfen - freilich gegen einen fiktiven Nebenbuhler, einen monströsen Gliederpuppen-Popanz, dem er in furiosen Attacken Arme, Beine und Rumpf absäbelt. Des Wüstlings Don Giovanni nächtliches Ständchen - freilich nicht zur Mandoline, sondern als schmelzendes Liebesgedicht - zelebriert er unter dem Balkon der Angebeteten, während der tölpelhafte, aber sehr schöne echte Liebhaber Roxanes, Christian, die Pantomime dazu vollführt - und die Schöne zur Frau bekommt, obwohl sie eigentlich nur seine Liebesgedichte liebt, nicht ahnend, dass da ein „Ghostwriter“ am Werk war. In den Krieg ziehen beide Männer. Christian stirbt. Heimkehrend trauert Cyrano gemeinsam mit der jungen Witwe. Erst als er selbst im Sterben liegt, offenbart er sich als Autor der Liebesgedichte - zu spät.

In seinem Sterben liegt das Erwachen aus einem Lebenstraum von Monteros Held. Und wieder wird er, wie zu Beginn des Tanzstücks, Teil des unförmigen Clusters, versinkt zwischen allen zu Charles Ives' berühmtem Streicherstück mit Trompetenfanfaren und Holzbläserkantilenen The Unanswered Question. War alles ein Traum, nur Spuk, Illusion, wenn die schöne Roxane am glühendroten Himmel schwebt, das dramatische Wolkengebirge im Gewitter des Kanonendonners zum festlichen Feuerwerk mutiert?

Der Spanier Montero ist ein Theatervollblut. Seine Tanzstücke sprühen von Verwandlungskünsten, raffinierten Lichtspielen, Witz und Theatralik. Seine faszinierend originelle choreografische Handschrift überrascht immer wieder mit neuen Bewegungen, Mustern und Ausdruck. In Saúl Vega findet er seinen meisterlich tanzenden Theatraliker - vom vibrierenden Komödianten bis zum elegant fechtenden Galan, vom Jungspund bei Hofe bis zum greisen Soldaten im Feld. Nur den Gehemmten, Verklemmten, der sich seines Äußeren schämt, mag man ihm nicht abnehmen. Dabei ist doch diese Roxane - Marina Miguélez - so gar nicht unnahbar, wenn sie einander begegnen, gelegentlich sogar fast nackt - ach nein, ist ja alles nur Fantasie - zusammengeschnürt wie Puppen.... Max Zachrisson ist in der Tat sehr schön, aber nicht der dümmliche Tölpel, der Christian eigentlich sein sollte. Die große Truppe schlüpft mühelos in alle Rollen, wo und wer immer  sie sein sollen in diesem unterhaltsamen Spektakel.  

Die Bühne hat Eva Adler mit dem Choreografen selbst, wie üblich, mit beweglichen Kuben und barocken Kulissen bestückt, die zuweilen mit Oliver Schucks animierten Grafiken belebt werden. Berauschend wirkt zum Beispiel der herbstlich gefärbte Wald am Kriegsschauplatz von Arras, der im Nu zum gespenstischen Schattenspiel wechselt. Musikalisch verwöhnt ein Potpourri aus Rameau-Opernausschnitten - die Staatsphilharmonie Nürnberg spielt von leicht federnd bis barock-prunkvoll unter dem jungen Kapellmeister Gábor Káli. Eigens für diesen Ballettabend schuf der amerikanische Tanzspezialist Owen Belton ein computergeneriertes Sounddesign, das sehr effektvoll die Brücke zum Heute und zu Ives' Musik von 1908 schlägt und die surreal bizarre Aura des Szenarios unterstreicht.