Così fan tutte im Hessisches Staatstheater Wiesbaden

"Wir sind alle kleine Sünderlein"

Mächtiges Möbelrücken steht jedes mal an für eine Aufführung der neuen Produktion von Così fan tutte im Hessischen Staatstheater, muss doch das gesamte erste Parkett auf die Bühne geschleppt werden, um Platz zu schaffen für eine umlaufende Spielfläche vor dem Orchester - und natürlich für eine ausreichende Anzahl Zuschauer, die sonst immer in den ersten Reihen sitzen. Diese haben nun Platz quasi hinter der Szene bzw. mittendrin, da die Akteure auch nach rückwärts spielen und singen, wo auch der Chor agiert. Schon ein ungewöhnlicher Beginn: das Licht bleibt zur Ouvertüre an, aber auch danach mal mehr, mal weniger, da Ferrando, Guglielmo und ihr späterer Wett-Kontrahent Don Alfonso sich zuvor in legeren Alltagsklamotten unter die Zuschauer im Parkett gemischt hatten und zunächst mal im Sitzen singen. Großes Hälserecken im vollbesetzten Hause; was ist da los ? Der Regisseur und Hausherr Uwe Eric Laufenberg hat seine erfolgreiche Inszenierung von 2006 aus seiner Potsdamer Zeit mit identischem Produktionsteam auf die Wiesbadener Bühne transformiert - zur großen Freude des Premierenpublikums, wie der einhellige Jubel beim Schlussapplaus zeigte. Diese Produktion war eigentlich für seine frühere Wirkungsstätte in Köln angedacht worden; die Gründe für das Nicht-Zustandekommen sind hinlänglich bekannt. Nun also im prachtvollen neobarocken Staatstheater, dessen goldene Stuckverzierungen Ferrando und Guglielmo immer mal wieder neugierig befingerten. Die frühere Künstlerriege auf der Bühne ist nach dieser Zeit nicht mehr beisammen – bis auf Konrad Junghänel, der ebenfalls Köln verlassen hatte und seither regelmäßig in Wiesbaden am Pult steht. Der weithin renommierte Alte-Musik-Spezialist verstand es, dem bestens aufgelegten und weitgehend vibratofreien Orchester einen wunderbaren grazilen und vielfarbigen Mozart-Sound zu entlocken. Wenn auch die arg eilige Ouvertüre noch etwas hakte, so scheint sich das hessische Staatsorchester gegenüber früheren Aufführungen deutlich weiterentwickelt zu haben. Blitzsaubere Läufe, zarte Bläserfarben, kräftige dynamische Sprünge, es war eine reine Freude, der kleine Fehlerchen keinen Abbruch taten.

Das Licht bleibt die ganze Aufführung bis auf einige zarte Schwankungen über im Wesentlichen an und hält nicht nur das Publikum 3½ Stunden munter, sondern signalisiert vor allem, dass es sich bei dem Werk eben nicht um eine abgehobene Geschichte auf einer unerreichbaren Opernbühne handelt, sondern um etwas unter uns, unter den normalen Menschen. Così fan tutte, „so machen es alle“: das ist die zentrale Aussage des da Ponte-Librettos. Oder wie man in Köln singt: „Wir sind alle kleine Sünderlein“. Dazu gehört auch die Einbindung der ca. 80 Zuschauer auf der Bühne, unter die sich der von Albert Horne sängerisch und szenisch bestens einstudierte Staatsopernchor locker verteilt hatte.

Und die beiden Stühle in der Mitte, auf denen sich Fiordiligi und Dorabella quasi inkognito zusammen mit den Zuschauern niedergetan hatten, sich rumfläzen, mit den Nachbarn quatschen und wie bei jungen Leuten üblich mit ihren Smartphones rumspielen und knipsen. Aber auch im Parkett wird fleißig agiert, mitten unter den Zuschauern, man steigt über die Sessel, quetscht sich an den Nachbarn vorbei oder stürmt geradewegs auf den Bühnensteg (Bühne: Matthias Schaller). Ständige Action in der schon mal etwas ermüdend langen Oper. Daraus entwickelt sich das bekannte muntere Spiel um Eifersucht, Verführer und Verführte, um Partnertausch und eine verlorene Wette. Laufenbergs subtile Regie trägt hier viele Früchte, das Spiel der Liebenden ist gefühlvoll echt und tief, mit vielen dezenten feinsinnigen Gags, aber ganz ohne Plattitüden.

Auch die (eigentlich ja alberne) Verkleidung der beiden Lover geht ohne Schwulst oder Gefühlsduselei einher; sie kommen als etwas flegelhafte Bauarbeiter mit groben Arbeitsschuhen, Bart, Sonnenbrille und Kappe, gehen der Zofe Despina (Gloria Rehm), im Look der Schließerinnen des Haues und brav mit Namenschild, gar an die Wäsche und lassen mit einem kurzen „Stippeföttchen“ und gereckten Armen den Kölner Karneval aufblitzen. Rehm glänzt als Soubrette mit federleichtem, schön geführtem Sopran und großer Spielfreude bis hin zum dezenten Slapstick als falsche Souffleuse von der Seitenloge, mit einem kurzen Ausflug als „Königin der Nacht“, als falscher Arzt mit modernem Defibrillator und als Notar mit knarzig verstellter Stimme. Gerne erinnert man sich an ihr „Blondchen“ aus Mozarts Entführung. Auch das Werben der beiden Freunde um die Braut des anderen - RTL 2 mit „Frauentausch“ lässt grüßen - gerät nicht wie so oft zur albernen Klamotte, es ist nett, dezent, einfach zum fröhlichen, entspannten Lächeln.

Laufenberg stehen in seinen Hauptpartien junge und bereits exzellente Sängerdarsteller zur Verfügung. Heather Engebretson als Fiordiligi hat sich gegenüber ihrer Konstanze als Mozartsängerin deutlich gesteigert; bei sehr graziler Figur hat sie eine große, rund klingende und sehr höhensichere Stimme, die ab der kommenden Spielzeit in der Hamburger Staatsoper zu hören sein wird. Ihr absolut gleichwertig und mit runder Stimme und einem herrlichen Piano ist die Dorabella von Silvia Hauer, stimmlich wie darstellerisch. Auch den beiden Herren Ioan Hotea als Ferrando und Christopher Bolduc als Guglielmo nimmt man ihre Rolle in dem üblen Spiel um die Liebe, ihr laszives Werben und ihr flegelhaftes Benehmen vollends ab; auch gesanglich passen sie perfekt zu den beiden Damen, wenngleich Bolduc in seiner großen Arie in den Höhen schon etwas gequetscht klang.

Wie immer glänzend präsentierte sich Wolf Matthias Friedrich als Don Alfonso, Motor des zweifelhaften Spiels. Mit vollklingendem, geschmeidigem Bass, sehr schick im klassischen blauen Anzug mit Weste, beherrschte er mit exzessiver Mimik elegant die Szene, tauchte überall überraschend auf, ein interessanter Charakterkopf, der sich nach seiner Bemerkung an die Frauen „Ihr betrügt alle“ sich heftig gegen auf ihn einschlagenden Damen des Chores wehren muss. Bleiben noch der kompetente Hammerflügel von Julia Palmova zu erwähnen und die erfrischend zeitgemäßen Übertitel der Dramaturgin Regine Palmai.

Diese Produktion ist ein Glücksfall für Wiesbaden, quasi mitten unter uns, fast ohne Requisiten und die Aufmerksamkeit ablenkende Bühnenelemente, voll von Bewegung und einfach toll gesungen und gespielt. Tipp: Unbedingt anschauen.