Teuflische Spiele zerstören eine Gesellschaft
Ein Griff in die Mottenkiste des Theaters? Mitnichten! Arthur Millers Hexenjagd schreit geradezu danach, den Weg auf unsere Bühnen zurückzufinden. 1953 entstanden, spielt das Stück auf die McCarthy-Ära an, in der alles Fremde und Andersdenkende als „unamerikanisch“ vors Tribunal gezogen und als Teufelswerk verurteilt wurde.
Da ist kein Narr, wer dabei ans Heute denkt. Bedroht doch auch heute die Angst vor dem Fremden die gesellschaftliche Ordnung. Wie die Angst der Bürger von Salem vor den Lügengespinsten der „Hexe“ Abigail, die in Massachusetts eine Gemeinde in den Abgrund führt. Jan Bosse hat das teuflische Spiel am Zürcher Schauspiel bildkräftig in Szene gesetzt.
Die riesige Halle des „Schiffbaus“ bietet Intimität und Distanz zugleich. Ein Wald im Dämmerlicht umschließt den Raum. Eingerahmt von zwei Zuschauerblöcken und Sitzreihen an den Längsseiten liegt die Spielfläche. Einer Arena gleich hat Stéphane Laime sie auf Sand gebaut. Ein faszinierender Raum.
Ein karges Bett steht in dieser Arena. Auf ihr liegt eine junge Frau, deren Ruhe wenig später in Schreie und Verkrampfungen übergeht. Es ist Betty, eins der Mädchen, die in Verdacht geraten, mit dem Teufel zu paktieren. John Proctor, dem Markus Scheumann grandiose Facetten abgewinnt, ist einer der wenigen, die sich nicht täuschen lassen. Doch auch er wird am Ende Opfer der allgemeinen Hysterie.
Mit dem Auftauchen des Pastors und Teufelsaustreibers John Hale (blendend Jirka Zett) nehmen Stück und Inszenierung Fahrt auf. Abigail (Dagna Litzenberger Vinet) ist die treibende Kraft des Bösen. Aus Liebe zu Proctor, mit dem sie bereits geschlafen hat, will sie dessen Frau vom Thron stürzen, verleumdet sie als Gespielin des Teufels und bringt die einst so geordnete Welt völlig aus den Fugen. Anklage wird erhoben. Wer nicht gesteht, was Abigail und deren Hexenbrut den Menschen vorwerfen, wird zum Tode verurteilt. Religiöse Verbohrtheit führt zum Menetekel, vernichtet jedes Vertrauen und vergiftet das Zusammenleben aller. Wenn am Ende Flammen die Wälder rundum erfassen, ist das Teufelswerk vollendet.
Jan Bosse durchwirkt diese sich selbst zerstörende Welt, in der alle Ordnung, die zuvor Garant für menschliches Miteinander war, zerbröselt, mit nicht selten Gänsehaut bewirkenden Szenen und Bildern. Das Publikum reagierte mit zehnminütigem, von Jubeltönen durchzogenen Applaus. Zu Recht. Für eine Hexenjagd, die packendes Bilder-Theater und Parabel zugleich ist.