Die Möwe im Theater Osnabrück

Im Licht der Bühne

Wenn sich Konstantin und seine Mutter Irina gegenseitig buchstäblich an die Gurgel gehen, ist dies weniger eine familiäre Auseinandersetzung als der Kampf der unterschiedlichen theater-ästhetischen Auffassungen. Regisseurin Annette Pullen bringt in diesem Zweikampf Anton Tschechows Die Möwe auf den eindringlichen Punkt: Die neue Generation mit revolutionären Ideen begehrt gegen die Theaterkonventionen des 19. Jahrhunderts auf. Und letztere wehrt sich nicht nur verbal.

Im Großen Haus des Osnabrücker Theaters ist noch ein kläglicher Rest des allsommerlichen Schauspielereignisses auf Irinas Landgut übrig. Jörg Kiefel hat auf die leicht nach vorne gekippte Bühne ein Dutzend Biergartenbänke platziert und damit die Darsteller zu den Zuschauern der Zuschauer gemacht. Auch weil am Ende die gesamte Bühnenbeleuchtung Richtung Publikum geneigt wird und dieses in greller Helligkeit zu unfreiwilligen Akteuren werden lässt. Geht es also ums Theater und seine Mittel? Um Werktreue kontra Moderne? Oder um die Theatergänger und ihre doch so unterschiedlichen Erwartungen ans Schauspiel?

Pullen versucht zumindest nicht – im Sinne Konstantins – das Theater einer weiteren revolutionären Versuchsanordnung zu unterziehen. Die hat es im Laufe der letzten hundert Jahre zur Genüge gegeben. Und so wird auch die Aufführung von Konstantins Werk zum dadaistisch-punkigen Klischee, in der der Theaterrebell selbst lautstark die elektrische Gitarre in teuflischem roten Licht getaucht traktiert. Das war mal neu, frech, ja, sogar provokativ. Aber selbst dieses Provokante ist mittlerweile längst zur Großstadttheaterkonvention verkommen, kann in Hamburg, Berlin und Frankfurt allabendlich genossen werden.

Wo es bei Tschechow noch um einen ästhetischen Weckruf ging, zeigt Pullen das nicht weniger spannende Verhältnis gegenwärtiger Theaterverständnisse. Monika Vivell als Schauspieloberdiva macht sich noch während der Vorstellung ihres Sohnes über das Dargebotene von oben herab lustig. Ohne überflüssige parodistische Verzierung wird Irina so zur – aus purer Angst vor dem Überflüssigwerden – bitterböse kämpfenden Verfechterin des Alten, die ihre Anhänger um sich schart und sie in eine große Umarmung gegen Konstantins Inszenierung einschwört.

In Personenarrangements wie diesen entstehen starke Bilder – allerdings zu selten. Sie wirken wie Oasen in einer emotionalen Wüste, in der sich die Osnabrücker Schauspieler bemühen, ihren Figuren Leben einzuhauchen. Punktuell gelingt das ausgezeichnet. Besonders wenn Niklas Bruhn als Konstantin vor Verzweifelung über die altmodischen Ansichten seiner Mutter wutentbrannte Reden hält. Oder Andrea Casabianchi als gescheiterte Möwen-Darstellerin nur noch in der Erinnerung an die einstige Hoffnung auf die große Karriere auf das Landgut zurückkehrt.

Am Rahmenhandlungsrand gelingt Anne Hoffmann eine sardonische Mascha, die ihren Weltschmerz in der gebeugten Körperhaltung und einem Changieren zwischen Wut und Unsicherheit zeigt. Patrick Berg sorgt als naiver Lehrer für die Lacher und Martin Schwartengräbers Arzt Dorn wirkt mit seinen zynischen Kommentaren wie der einzige seelisch gefestigte Protagonist in diesem Aufeinandertreffen der Verzweifelten. Und die Zuschauer? Die können nun die schauspielerische Leistung genießen. Oder aber sich im Licht der Scheinwerfer fragen, ob nicht gerade der ästhetische Facettenreichtum dem Theater auch heute noch Spannung verleiht.