Der Mensch erscheint im Holozän im Berlin, Deutsches Theater

Letzte Ausfahrt Holozän

Wie so oft bei Max Frisch sind es auch bei Der Mensch erscheint im Holozän die Gegensätze aus Profanem und Komplexem, aus Allem und Nichts: Gedankliches zum Alltäglichen knüpft Frisch so treffend zusammen, dass sie einen trifft, die Erkenntnis von der Endlichkeit des Lebens, und die Frage bleibt, was von einem bleibt? Assoziativ hat sich der Schweizer Regisseur Thom Luz der Thematik nun genähert – gänzlich überzeugend.

Ein Tal ohne Durchgangsverkehr, dafür aber mit viel Nebel hat Luz im Deutschen Theater skizziert. Poetisch bis entrückt kommt diese Inszenierung daher, die die Textstücke mixt, mit Klaviermusik von Bach über Beethoven bis hin zu Volksliedern aus dem Tessin eindringlich unterlegt und die Anmutung von Frischs Text denkbar subtil in Szene setzt. Das Holozän ist der jüngste Zeitabschnitt der Erdgeschichte, der bis heute andauert – wir können einen Düsenjet fliegen, aber wissen wir auch, warum wir auf der Erde sind, was unserem Sein Sinn gibt? Kommen wir an die Grenzen der Daseinsfragen, wird es trübe - insofern dümpelt auch die Nebelbombe die gesamte Spieldauer vor sich hin und hüllt Protagonist Herrn Geiser (brilliert wie so oft in stimmiger Besetzung: Ulrich Matthes) in geheimnisvollen Schummer. Hier in diesem Tal, in dem „Inzucht im Schwinden“ ist, hat sich der Geschäftsmann Geiser zur Ruhe gesetzt – der Schwiegersohn, der den Gewinn in Basel optimiert, hat den Staffelstab übernommen; Geiser hingegen versucht sich abzulenken. Von was? Der eigenen Vergänglichkeit.

Lange hat es geregnet und den Hang mit Wasser getränkt, was wird geschehen? Ein Erdrutsch, eine Naturkatastrophe, die das Dorf schlucken wird? Luz setzt den Sonderling Geiser auf die Bühne, abgeschnitten von den anderen (in weiteren Rollen: Judith Hofmann, Franziska Machens, Leonard Dering, Wolfgang Menardi und Daniele Pintaudi). Will Geiser in Kontakt treten, wird der Bühnenvorhang runtergefahren, und Geiser wird buchstäblich vor die Tür gesetzt. Dieses plastische Bild führt zu einigen Lachern beim äußerst angetanem Premierenpublikum. Die minimalistische Spielweise von Matthes, dessentwegen alleine schon manch ein Zuschauer das Ticket gelöst haben soll, bringt die Tonalität Frischs auf den Punkt: „Der Mensch bleibt ein Laie“, einer der Schlüsselsätze des Textes, der „universalen Parabel des Menschseins“ so Dramaturg David Heiligers, der einen Versuch „von Ordnung der Wirklichkeit im natürlichen Chaos“ ortet - Frischs Sätze seien „kleine Schätze, die es zu entdecken und miteinander zu verbinden gilt, ähnlich einem Malen-nach-Zahlen-Bild.“

Das Profane im Alltäglichen, die „kleinen Schätze“ - am Deutschen Theater hat Luz diese zum Glänzen gebracht, mit allerlei Kunstgriffen, Mut zu einer ungewohnten Erzählweise und Fingerspitzengefühl.