L'Elisir d'Amore im Badisches Staatstheater Karlsruhe

Im Sonderzug zum Liebesglück

Nemorino ist hier kein Bauernbursche, sondern einer, der mit Putzeimer und Feudel anderer Leute Dreck wegkehrt. Was Wunder, dass sich in der Rotunde einer Bahnhofshalle die kokette Kioskinhaberin Adina einer besseren Gesellschaftsklasse zugehörig fühlt. Sogar die Blumenmaid Gianetta hat nur Spott für den armen Kerl übrig, der sich in Liebe zu Adina verzehrt. Der Rest ist bekannt: Belcore in schmucker Uniform und forschem Befehlston heiratet – beinahe – die Adina, doch Nemorino geht dazwischen, denn das Liebeselixier von „Doktor“ Dulcamara hat sein Selbstbewusstsein gestärkt. Die Angebetete besinnt sich eines besseren, und – potzblitz – plötzlich ist der Straßenfeger per überraschender Erbschaft ein richtig flotter und begehrenswerter Feger. 

Dieses musikalische Lustspiel wird am Badischen Staatstheater Karlsruhe von Regisseur Jacopo Spirei mit viel ironischem Augenzwinkern angerichtet. Nikolaus Webern hat ihm die passende Drehbühne mit Bahnhofsatmosphäre gebaut, die Kostüme von Sarah Rolke sind flott bis sexy. Reges Treiben herrscht, manche hasten Richtung Bahnsteig, denn auf der Anzeigetafel leuchten so bedeutende Ziele wie Rintheim oder Mühlacker auf. Allerdings sogar die Metropole Mannheim, was der Spötter so verstehen darf, dass Karlsruhe den Kampf um die Opernhoheit in Nordbaden gegenüber dem Nationaltheater aufgenommen hat.

Richtige Typen werden auf die Bühne gestellt. Allen voran der fliegende Händler Dulcamara, der mit dem Regionalexpress anreist und unversehens einen Verkaufsschlager im Angebot hat. Hilfreich sind die frivolen Girls, die ihm assistieren, denn „Sex sells“, das hat der Scharlatan verinnerlicht. Stefan Sevenich spielt ihn als die Bühne beherrschenden Komödianten und sein Spielbass kommt prächtig über die Rampe. Als Nemorino gastiert Alexey Neklyudov, sein Tenor hat mühelose Höhen und prima Belcanto-Timbre. Kammersängerin Ina Schlingensiepen schenkt der Adina ausdrucksvolle lyrische Koloraturen und viel Innigkeit, wenn sie endlich ihr wahres Herz entdeckt. In strammer Männlichkeit tritt Seung-Gi Jung als Belcore auf; dass er letztlich doch die Adina verliert, nimmt er gelassen, denn er wird seinen kernigen Bariton dann eben für die Militärlaufbahn einsetzen. Ilkin Alpay stöckelt als Ginetta mit soubrettenhafter Helle zwischen frech und nett durch die Szene.

Viele Gags, die nie aufgesetzt, sondern feinsinnig wirken, garnieren den Ablauf. Erster Kapellmeister Daniele Squeo betreut diese Produktion zum Saisonauftakt. Er setzt auf instrumentale Pointierungen und viel Schwung, in der Sänger- und Chorführung allerdings treten kleine Ungenauigkeiten auf. Das Publikum ist begeistert und hat bei aller Lockerheit des Sujets doch Anlass, über die Wendigkeit von Gefühlen nachzudenken.