Atlas der abgelegenen Inseln im Staatsschauspiel Hannover

Von der Poesie der Gestrandeten

Die Insel Pukapuka, mitten im Pazifik gelegen und 700 Kilometer vom nächsten Stück Land entfernt, hat 600 Einwohner. Am Strand tanzen, singen und schlafen die jungen Leute miteinander; Sex ist ein Spiel, und eine Frau, die ein uneheliches Kind gebärt, steigt in der Achtung der Menschen, weil sie ihrem zukünftigen Mann ihre Fruchtbarkeit bewiesen hat. Wenn auf dieser paradiesischen Insel der große Schweizer Regisseur Christoph Marthaler mit dem großen deutschen Schriftsteller Ror Wolf ein Kind zeugen würde, dann würde die Frucht dieser Liebe wohl so ähnlich aussehen wie diese zum Berliner Theatertreffen des Jahres 2015 eingeladene Aufführung des Schauspiels Hannover.

Deren Eltern aber sind Thom Luz und Judith Schalansky. Schon einmal hat theater:pur sich staunend der surrealistischen Anmutung und bezaubernden Magie einer Aufführung des Schweizers Thom Luz hingegeben. Laura de Wecks Archiv des Unvollständigen betörte uns im Jahre 2013 bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen sowie ein Jahr später beim Mülheimer Dramatiker-Wettbewerb. Nach dem Archiv jetzt also der Atlas – staubige Begriffe beides, und tatsächlich vermutet man zu Recht, dass in den zugrundeliegenden Texten keine hohe dramatische Qualität steckt. Aber wie viel Poesie! Die Verantwortlichen vom mare Verlag haben das im Jahre 2009 erkannt und Judith Schalanskys jeweils weniger als eine Druckseite lange Beschreibungen von 50 abgelegenen Inseln so opulent ausgestattet, dass das Buch mit dem Preis der Stiftung Buchkunst als schönstes deutsches Buch des Jahres 2009 ausgezeichnet wurde. Die kurzen Insel-Portraits erinnern in der Tat an die virtuosen, so surrealen wie scheinbar trivialen Miniaturen, mit denen uns Ror Wolf zum Beispiel in seinen Nachrichten aus der bewohnten Welt die alltäglichen Wunder dieser Erde entdecken lässt. Im Unterschied zu Ror Wolfs Trivialitäten sind Judith Schalanskys unglaubliche Geschichten allerdings wahr – die eine oder andere hat man auf Reisen oder in der Lokalpresse vielleicht sogar schon einmal vernommen.   

Thom Luz hat nun in der Cumberlandschen Galerie des Schauspiels Hannover ein surreales, melancholisches sprachmusikalisches Kunstwerk aus den Texten gezimmert, das ausgeprägtes Suchtpotential hat. Schon die Räumlichkeit, die er dafür zur Verfügung hat, wird zu einem der Stars der Aufführung. Luz lässt auf allen drei Etagen des denkmalgeschützten Treppenhauses spielen, im einzigen erhalten gebliebenen Gebäudeteil der ehemaligen Gemäldegalerie des Herzogs von Cumberland, die, erbaut in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts, eines der Hauptwerke des Funktionalismus der Hannoverschen Architekturschule ist. Wunderschöne gusseiserne Säulen und Geländer sowie riesige romanische Rundbogen-Fenster zieren die breiten Treppenaufgänge, die den morbiden Charme einer untergegangenen, aber fortschrittsgläubigen Abenteurer-Epoche ausstrahlen. Mit ihren Erkern wirken die Räumlichkeiten aber auch wie der Chor eines Kirchenschiffes, wahlweise (von außen) aber auch wie der Bug eines Ozeandampfers. Und tatsächlich: Irgendwann erklingt eine Schiffs- oder Kirchenglocke. Ganz oben im dritten Stock hängt sie unbemerkt an der Decke, und irgendwann während der Aufführung wird sie mittels eines langen Seils von unten betätigt. So trägt sie bei zu dem „mehrstimmigen Hörstück“, als das Luz und Schalansky ihre Aufführung bezeichnen. Sie ist ein Teil dieser merkwürdigen, aber jederzeit grandiosen Komposition aus Worten, Liedern und Klängen, so wie die Geigen und Posaunen, wie die Pauken und das kaputte Piano, das auf dem obersten Treppenabsatz ab und zu betätigt und ab und zu repariert wird. Chorgesang erklingt von hinten als probe jemand in einer nicht vorhandenen Garderobe, zwei Takte nur, offenbar aus „Somewhere over the Rainbow“ – also von da, wo diese Geschichten zu spielen scheinen. Dann erfahren wir von den ersten Inseln, von der russischen „Zurückgezogenheitsinsel“, der „Einsamkeitsinsel“, wie sie von den Norwegern genannt wird. Es ist eine unbewohnte Insel: Sie war unbewohnt, nachdem ein deutsches Unterseeboot im 2. Weltkrieg die Besatzung der alten, verrotteten Wetterstation getötet hat; im Kalten Krieg wurde sie wieder in Betrieb genommen und zur Polarstation ausgebaut und im November 1996 endgültig evakuiert.

Die Geschichte setzt den Ton: Was wir hören, sind traurige, elegische, bisweilen auch grausige Geschichten von Einsamen und Gescheiterten, von Schiffbrüchigen und Irregeleiteten, von Abenteurern und Piraten. Und doch wirken die Storys manches Mal höchst romantisch – sei es die Beschreibung des Paarungsverhaltens der nordischen Seekuh, sei es die die tragische Geschichte vom Ende der Flugpionierin Amelia Earhart. Schalansky erzählt mit großer Lakonie und größter Sensibilität für den Klang der Sprache; Thom Luz und der Musikalische Leiter Mathias Weibel erhöhen die Poesie und die absurde, rätselhafte Atmosphäre durch ihre schräge, aber perfekt zum Text passende Klanginstallation. Die Lichtregie taucht das in leichten Nebel gehüllte Treppenhaus in immer neue Stimmungen; irgendwann schwanken die Schatten der gusseisernen Gitter durch dieses merkwürdige Spukschloss. Vier Schauspieler und vier Musiker gestalten den Abend. Wie Geister, Feen, Elfen huschen sie vorbei, erzählen ein paar Sätze, raunen uns vertraulich zu: „Ich komme gleich zurück“ und reisen weiter zu den Zuschauern auf den anderen Stockwerken. Beatrice Frey wirkt in ihren langen weißen Kleidern und mit extrem blassem Teint tatsächlich wie ein altes Schlossgespenst, Günther Harder, auch er wie alle Akteure bleich geschminkt, entwickelt sprachlich das größte Charisma, doch auch Sophie Krauß und Oscar Olivo haben großartige schauspielerische Momente. Auch die Musiker übernehmen kurze Textpassagen. Sie alle turnen durch die Etagen, und wir hören von den anderen Geschossen leises Gemurmel und Musik und erkennen, dass dort manchmal die gleichen, manchmal aber auch andere Episoden berichtet werden, von denen wir nie erfahren werden.

Einerlei – großartig ist dieser Abend überall. So träumen wir also von dem sinnesfreudigen Pukapuka, gruseln uns vor den unaufgeklärten Morden auf Floreana, gedenken der toten Soldaten vom Clipperton-Atoll oder versinken in Gedanken an modernde Wracks wie sie den armen Henry Eld auf der Macquarie-Insel faszinierten, bevor er rückstandslos in einer Pinguin-Herde verschwand. Liebe Leserinnen und Leser, setzen Sie die Uhren ab und steigen Sie aus Zeit und Raum! Vergessen Sie alles, was Sie plagt und bedrückt: Verlieren Sie sich einfach im Fernweh nach diesen fernen abgelegenen Eilanden, auf denen Sie – wie die Autorin dieser wunderbaren Geschichten - nie sein werden und zu denen Sie auch nie reisen werden. Rastlos sind wir bisher durch die Welt gefahren auf der Suche nach neuen Erlebnissen und Erfahrungen. Doch die wahren Abenteuer sind im Kopf, und sind sie nicht in unserem Kopf, dann sind sie nirgendwo, um es mit dem Meister des schwülstigen Kitsches André Heller zu sagen. Die Aufführung in der Cumberlandschen Galerie in Hannover lohnt die weiteste Reise!     

 

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