Macht und Widerstand im Staatstheater Hannover

Traumata einer Diktatur

Der „Roman“ ist eigentlich eine Doku-Fiction. Bei den Protagonisten von Ilija Trojanows Macht und Widerstand handelt es sich zwar nicht um historische Personen, doch sind ihre Figuren abgeleitet aus echten Biographien, auf die Trojanow bei einem intensiven Aktenstudium im Archiv der bulgarischen Staatssicherheit sowie in ausführlichen Gesprächen mit Regime-Gegnern und ehemaligen Stasi-Offizieren gestoßen ist. Konstantin Scheitanow und Metodi Popow sind Überlebende des real existierenden Sozialismus in Trojanows Geburtsland. Ihre lebenslange Feindschaft hat die Zeitenwende des Jahres 1989 überdauert. Konstantin, Sohn eines Arztes und damit Angehöriger einer im Kommunismus misstrauisch beäugten Bildungsbürgerschicht, war in seiner frühen Jugend Anführer einer jugendlichen Gruppe von Anarchisten, die in ihrer Heimatstadt Panagjurischte mittels einer Sprengung ein Stalin-Denkmal entweihte und beschädigte. Metodi, eher bauernschlau denn intellektuell feinsinnig, war schon zu gemeinsamen Schulzeiten sein politischer und persönlicher Gegenspieler. Er hat die Verhöre gegen Konstantin geleitet und seine brutale Folterung angeordnet.

Älter geworden und auch ein wenig hinfällig, stehen Konstantin und Metodi einander immer noch unversöhnlich gegenüber. Milde und Vergebung gehören nicht zu ihrem Verhaltensrepertoire. Mit einer fundamentalistisch anmutenden Verbissenheit versucht Konstantin die heimlichen oder offenen Zuträger der Staatssicherheit und Unterstützer des Systems zu stellen. Vergeblich: Auch nach der Wende schützt die Staatsmacht die ehemalige Nomenklatura; die alte Elite besetzt nach wie vor entscheidende Posten und versteht es, die Widerständler zu isolieren. Konstantins unermüdliche Versuche zur Wiederherstellung von Gerechtigkeit werden unterlaufen: „Wo kein Kläger, da kein Richter, heißt es. Wo kein Widerstand, da kein Recht, müsste es lauten“, resümiert er.

Konstantin wird seinen lebenslangen Kontrahenten und Peiniger überleben – um wenige Wochen. Es ist, wenn überhaupt, ein schaler Triumph. Der Stasi-Offizier, der in der Diktatur eine bemerkenswerte Karriere gemacht hatte und bis in den engsten Zirkel der Macht vorgestoßen war, konnte nach der Wende unbehelligt weitermauscheln und wurde zum erfolgreichen Geschäftsmann. Das plötzliche Erscheinen einer angeblichen Tochter, die er möglicherweise einst mit einer wehrlosen Gefangenen gezeugt hat, verunsichert und erschüttert ihn in seiner dümmlich-arroganten Selbstsicherheit. Konstantin wiederum fühlt sich nach lebenslanger Verfolgung durch die Staatsmacht sowie der Erfahrung von Folterungen und Verrat nicht mehr in der Lage zum Aufbau echter zwischenmenschlicher Beziehungen. Die Diktatur des Sozialismus hat auch menschliche Wracks hinterlassen.

Es ist ein mächtiger, wuchtiger Stoff, den der tschechische Regisseur Dušan David Parízek jetzt am Staatsschauspiel Hannover auf die Bühne gebracht hat. Wie Ilija Trojanow ist Parízek bereits als Kind mit seiner Familie aus seinem Heimatland ausgewandert, nachdem sein ebenfalls am Theater tätiger Vater im Anschluss an die Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahre 1968 schikaniert und verboten wurde. (Trojanows Familie floh im Jahre 1971 und erhielt zunächst in Deutschland politisches Asyl, bevor es sie aufgrund der beruflichen Tätigkeit des Vaters für lange Jahre nach Kenia verschlug.) Für die Rolle des Konstantin hat Parízek Samuel Finzi gewonnen. Der Schauspieler des Jahres 2015 ist wie der Roman-Autor gebürtiger Bulgare und kam als junger Mann nach Deutschland. Im Jahre 2013 beteiligte er sich in Sofia an Demonstrationen gegen die Regierung von Ministerpräsident Borissow und die in Bulgarien nach wie vor grassierende Korruption. Autor, Regisseur und Schauspieler bringen also gleichgerichtete biographische Erfahrungen mit, die der Romanhandlung zumindest in weiten Teilen entsprechen.

Dennoch erscheint eine Bühnenadaption des Buchs als ein eher schwieriges Unterfangen. Trojanow lässt in seinem Roman die Figuren des Scheitanow und des Popow abwechselnd in kurzen, nicht chronologisch angeordneten Passagen erzählen. Ihre Berichte bestehen aus Bewusstseinsströmen, inneren Monologen, Reflexionen und Erinnerungen, die im Roman ab und zu ergänzt werden durch Original-Dokumente aus den Akten der Staatssicherheit. Diese stammen aus der Akte eines einzigen ehemaligen Regime-Gegners und wurden nur marginal verändert, um sie an die Figuren der beiden Protagonisten anzupassen. Gerade weil man um die Authentizität dieser Spitzelberichte weiß, schlagen sie einem beim Lesen auf den Magen. Sie werden zum ersten Opfer des Transfers auf die Bühne, denn sie erscheinen nur als gedruckte Dokumente auf seitlichen Videowänden, schon in Reihe 8 kaum lesbar. Die restlichen Texte, vom Regisseur persönlich neu montiert und geschickt auf allgemeingültige Aussagen abgeklopft, sind anspruchsvolles Kopftheater. Bisweilen gerät die Angelegenheit sogar ein wenig zähflüssig. Aber wie sagt Konstantin einmal: „Im Verhör wandelt sich Zeit in Schmerz. Beim Erzählen wandelt sich Zeit in Erinnerung.“ Und wenn Samuel Finzi als Konstantin und Markus John als Popow erzählen, wandelt sich Zeit in Faszination.

Zunächst unterspielt Finzi seine Rolle sogar. Ruhig, leise zeigt er seine Verbitterung. Rastlos tigert er auf und ab, ohne im Kampf um die Deutungshoheit der Vergangenheit voranzukommen. Zunehmend wird er unruhig, aufgeregt – und damit lauter. In Deutschland werde so viel geschrien im Theater, hat Finzi einmal in einem Interview beklagt. Wir werden ihn an diesem Abend noch lautstark erleben, aber der Jähzorn steht Herrn Finzi nicht. Das Duell mit dem Vizepräsidenten, einem Wendehals und Wendegewinner (überzeugend: Henning Hartmann), verliert der aufgeregt gestikulierende und fuchtelnde Finzi sowohl in inhaltlicher als auch in schauspielerischer Hinsicht. Gegen den Verfassungsrichter (ebenfalls Henning Hartmann) läuft der Beschwerdeführer Konstantin an wie gegen eine Gummiwand. Manchmal durchzieht diese Szenen ein düsterer, bitterer Humor, manchmal nur pure Wut und Verzweiflung. Diese Diskussionen sind kleine Kabinettstückchen, deren Aussagewert oft über die konkrete politische Auseinandersetzung hinausgeht.

Obwohl Dušan David Parízek der Figur des Konstantin – anders als im Roman - ein erheblich größeres Gewicht einräumt als der Figur des Metodi, wird der großartige Samuel Finzi schauspielerisch von Markus John noch übertroffen. Der muss seine voluminöse Stimme oftmals bändigen. Mit lauerndem Blick, mimisch und gestisch stets in Habachtstellung, verkörpert er den Ex-Stasi-Offizier, der nicht begreift, warum sein früherer Staatsgehorsam nach der Wende als Fehlverhalten angegriffen werden darf. „Wer nicht zum Volk gehören will, darf sich nicht wundern, wenn er zum Wohle des Volkes geopfert wird“, sagt er einmal: ein Zynismus, der sich in Teilen der Bevölkerung auch in unserem heutigen Alltag wieder einschleicht. – Metodi beginnt zu diesem Zeitpunkt längst den Boden unter den Füßen zu verlieren. Seine potenzielle Tochter Nezabrawka (Sarah Franke) hat ihn verunsichert. Sein Selbstbild beginnt zu bröckeln. Wie ein Ertrinkender klammert sich Popow an ein Bild, das der Vergangenheit angehört – irre fast, wie ein Ertrinkender auf Speed. Seine Welt geht unter, aber er kämpft so verzweifelt um seine Deutungshoheit wie Konstantin es sein ganzes Leben lang tat. So packend und charismatisch gestaltet John seine Figur, dass das Theater in diesem Moment der Literatur überlegen scheint.

Der Satz eines Managers des sozialen Netzwerks Xing, minimal adaptiert, klingt in einem Stasi-Drama zynisch: „Informationen sind das Erdöl des 21. Jahrhunderts“, heißt es in einer präsidialen Rede vor dem beleuchteten Parkett. Wir alle sind angesprochen. Wir, die wir heute ausgehorcht und abgehört werden nach allen Regeln digitaler Hacker-Kunst – wir, die wir in sozialen Medien und Einkaufsportalen Informationen über uns freigeben, von denen wir selbst noch gar nichts wussten. Sogar zur Einflussnahme auf unser Wahlverhalten werden diese Informationen genutzt, wie wir nach der US-amerikanischen Präsidentenwahl gelernt haben. Falls irgend jemand im Parkett die überzeugende Aufführung als historisches Polit-Drama gewertet haben sollte, dürfte er gegen Ende der dreistündigen Aufführung aus seiner Illusion erwachen. Ex-Stasi-Mann Metodi poltert: „Schau dir doch die Welt an: Amerika, Russland … Überall Geheimdienstler an der Macht. Wir haben die Welt an der Gurgel. Und ob sie atmet oder nicht, das entscheiden wir.“ Gegen Ende von Parízeks Aufführung wirken sowohl Scheitanow als auch Popow zunehmend deformiert vom lebenslangen Kampf. So verrückt wie Trump und Putin. Nur: Scheitanow und Popow stehen am Ende ihres Lebens, Trump und Putin auf dem Höhepunkt ihrer Macht.

Ein frohes Neues Jahr!