Gespenster im Berlin, Deutsches Theater

Alptraumhafte Familienbande

Keiner kann seinem Schicksal entkommen, wir können nicht etwas sein, was wir nicht sind oder anders gesagt: Das Leben ist eine Farce, die es zu akzeptieren gilt.

Warum wir also das tun, was wir tun und nicht einfach das tun, was wir wollen, darum geht es in Sebastian Hartmanns Gespenster – ein textlicher Mix, szenisch dicht verwoben aus Henrik Ibsens Gespenster und August Strindbergs Väter, hier und da garniert mit Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen und Gesang. Die „kaleidoskopische Betrachtung“, so das Deutsche Theater, würde „das Gewicht der Vergangenheit“ ebenso reflektieren wie das „Leben am äußersten Rand aller Kräfte“. Die Zukunft, sie verschließe sich dabei. Dieses anspruchsvolle Unterfangen auf die Bretter zu stellen scheitert zwar nicht, trifft jedoch auch nicht nur auf Gegenliebe: Einige Besucher verlassen verfrüht den Saal, andere Motzen einfach rum auf ihren Plätzen.

Sicherlich, es ist keine leichte Kost: Innerhalb der nicht-linearen Erzählung der einzelnen Schicksale dröselt Hartmann die abseitigen, zerstörerischen Elemente des Zwischenmenschlichen auf: Eine absurde Mutterliebe, die ins Pathologische geht, oder die Eigendynamiken in einer Paarbeziehung; immer geht es irgendwie darum, wer Schuld hat, und was in der Gesellschaft zulässig ist, und was nicht.

Wie eine Märchenkulisse hat Sebastian Hartmann die Bühne angelegt, doch die putzigen Häuser, die an die Wand projiziert werden, fangen an zu brennen, eine spiralförmige, ins Unendliche zeigende Rampe, auf der die Schauspieler hasten, lässt das Publikum erahnen: Keiner entkommt seinem Schicksal, Du kannst zwar wegrennen, aber dein Schicksal ist schneller als Du. Dabei spiegelt Hartmann insbesondere die Mutter-Sohn-Konstellation aus Ibsens Gespenstern und lässt sie in zwei Altersklassen spielen. Das Leben als Perpetuum mobile. Die Mutter will nicht akzeptieren, dass der Sohn nach dem Vater schlägt, und der Sohn kann nicht sterben, denn es klappt einfach nicht, obwohl der Arzt doch vor dem nahen Tod warnte. Von Krämpfen und Spasmen geschüttelt wirft er sich zu Boden, die Dorfgemeinde bewirft den liegenden Körper mit Erde, doch der Sohn rappelt sich einfach wieder auf. 

Trägt der Stoff von Vorgestern im Heute, noch dazu mit Elektrosound und hysterischem Lärmpegel? Vielleicht ist eine zweifelhafte Vaterschaft heute nicht mehr das, weshalb man aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen wird, aber die Zusammenhänge der Gesellschaft, ihre Macht auf das Individuum, sind heute genauso zwingend wie vor 140 Jahren – so kommt Hartmanns alptraumhafte Collage ziemlich zeitgemäß daher, gerade, weil die Schauspieler (es spielen: Edgar Eckert, Felix Goeser, Gabriele Heinz, Markwart Müller-Elmau, Linda Pöppel, Katrin Wichmann, Almut Zilcher) immer wieder exzessiv an die Grenzen gehen. Das gefällt und ist für alldiejenigen sehenswert, die sich unvoreingenommen von den großen Dramatikernamen auf eine ganz neue Perspektive einlassen wollen.