Semele im Badisches Staatstheater Karlsruhe

Liebe ist nur ein leerer Wahn

Frauenseelen zu erkunden, war offenbar sein Spezialgebiet: Georg Friedrich Händel hat die Schattierungen zwischen Abgründigkeit und Glückseligkeit in seinen Opern auf wundersame Weise nuanciert und den Heroinen – egal ob Göttin oder Schäferin – durch individuelle musikalische Zeichnung als zeitlos greifbare Figuren gezeichnet. Das macht den Reiz aus für Regisseure, dass so viele Assoziationen und Interpretationen möglich sind.

Zu den Internationalen Händel-Festspielen in Karlsruhe erlaubt sich Floris Visser einen spöttischen Blick auf die Götterwelt, die er auf den Boden des Irdischen herunterzieht. Denn Semele geht im Oval Office ein und aus, wo sie sich den mächtigsten Mann auf dieser Erdenwelt schnappen will, den Präsidenten. Der ist einem kleinen Abenteuer nicht abgeneigt, aber im Mahlwerk der Intrigen, Öffentlichkeit, Eifersucht und Bespitzelungen findet Semele letztlich den Tod. Doch sie lebt weiter in ihrem Knäblein, der wird Bacchus heißen. Passt, denn Semele hat sich wie an ihren Träumen von Bedeutung auch gerne am Schampus berauscht.

Das wird in Karlsruhe erfrischend entspannt und spöttisch, aber nie überladen auf die Bühne gestellt, die von einem hälftig offenen Kuppelbau beherrscht wird. Dort gehen die Figuren ein und aus, die  Flaggen umranken den Schreibtisch, die präsidiale Limousine fährt vor, umrakt von Bodyguards; schwarz maskierte Marines schweben von oben, um Semele zu entführen, ein verschlafener CIA-Agent soll über eine Bildschirm-Wand die Geheimnisse ausforschen, und so weiter, und so weiter.

Ungetrübtes Vergnügen, weil ausgezeichnet gesungen und musiziert wird. Die Deutschen Händel-Solisten spielen unter Christopher Moulds hoch konzentriert in differenzierter Klanglichkeit, der Händel-Festpielchor sing mit festspielwürdiger Intensität. In der Titelfigur brilliert Jennifer France: Überragend in Stimmführung, emotionaler Ausgestaltung und darstellerischem Profil. Als Jupiter-Politiker, um den sich die Welt drehen soll, glänzt der Tenor Ed Lyon und posiert immer dann, wenn eine Kamera auftaucht – ein Abziehbild unserer mediengeilen Zeit. Ein bestechende Studie gelingt der Regie mit Terry Wey als Athamas: Der Counter singt und spielt einen etwas unbedarften Milität, dessen Hochzeit mit Semele platzt, ehe er an Semeles Schwester Ino (Dilara Bastar, mit charakteresierender Mezzo-Führung) hängen bleibt. Als Präsidentengattin Juno voller Energie, im Guten wie im Bösen: Katharine Tier. Den Figuren-Reigen vervollständigen Hannah Bradbury (Iris),  Edward Gauntt (Cadmus), Yang Xu (Somnus) und Ilkin Alpay (Cupid).

Helle Begeisterung für diese raffinierte Händel-Sicht auf eine Liebe, die nur leerer Wahn bleibt und  nächstes Jahr bei den Festspielen wiederaufgenommen wird.

(Eine Rezension über Terry Weys jüngste CD-Produktion Pace e Guerra finden Sie hier)