La Reine im Nationaltheater Mannheim

Im Gefängnis der Seele

Passt das zusammen, die Wesendonck-Lieder von Richard Wagner und der Zyklus Les nuits d'été von Hector Berlioz als Folie für ein verstörtes Menschenwesen, das aus dem Gefängnis seiner Seele ausbrechen will? Denn jene La Reine, die Königin, die diese Lieder auf bestechend schöne, opulente und irisierende Weise singt, hat eine Vergangenheit, aber hat sie auch eine Zukunft? „Ein Kreuzweg mit Musik“ hat Thomas Bischoff seine Konzeption genannt, die Operndramaturg Jan Dvorák künstlerisch realisiert hat und für die Ausstatter Martin Kukulies eine düstere Bühne baut mit Versatzstücken und Symbolen von Krieg und Zerstörung. Ein Flugzeugmotor, ein Schleudersitz für die Königin, allerlei kleinerer Unrat, ein Kübel fürs ekelhaft-drastische Waterboarding – kurzum: die Königin war eine Böse und doch singt sie so überirdisch schön, denn sie will sich vom Vergangenen lösen.

Die weltweit angesehene Sopranistin Angela Denoke singt und spielt die eher statuarisch angelegte Hauptfigur überwältigend gut. Die Szene aber wird kontrapunktisch flankiert von drei körperbetont agierenden Figuren, der Nonne (Catherine Janke), dem Weib (Franziska Rieck) und dem Krieger (Frank Richartz), mehr oder weniger Befehlsempfänger der Königin. Gedichte von Gottfried Benn, auch vom Grauen des 1. Weltkriegs bewegt, und Sinn suchende Texte von Arthur Rimbaud, visionär in ihrer Art, werden zu strukturierenden Einschüben, aus denen Muster der dauernden Verstörung erwachsen. Der Text Der Jäger von Wilhelm Müller liefert zudem dramaturgische Zäsuren.

Taugt das alles für stringentes Musiktheater? Die Magie des Unbewussten, existenzielle Not und die inneren Dämonen bestimmen ein Leben, das den Fluchtpunkt der Musik sucht. Und gemeinsam mit dem Nationaltheater-Orchester unter Leitung von Benjamin Reiners findet. Mögen sich viele Premierenbesucher an manchen, vielleicht kruden Valeurs stören und dies auch kund tun, ein bewegendes Erlebnis hat La Reine ausgelöst. Primär natürlich einer überragenden Angela Denoke sei Dank, der die Regie mit einem suggestiven Schlussbild huldigt: allein in der Düsternis, nur vom Lichtkegel im fließenden Gewand erfasst, um sich in Wagners Träume zu verlieren.