Der Jahrmarkt von Sorotschinzi im Komische Oper Berlin

Suff und Sahnetorte

 

Das wohl eindringlichste Bild, das wir vom russischen Komponisten Modest Mussorgski kennen, malte Ilja Repin im Jahr 1881. Es ist der krasse Realismus dieses Gemäldes, der uns fesselt. Da ist ein Musiker zu sehen mit zauseligen Haaren und ungepflegtem Bart, gehüllt offenbar in einen Morgenmantel. Tiefe Ränder zerfurchen die untere Augenpartie, und die Nase ist glühend rot. Mussorgski als Trinker vor dem Herrn, schlimmer noch, als alter, verwirrter Mann. In der Tat entstand Repins Arbeit unmittelbar vor des Komponisten Tod. Doch dieser „Alte“ starb bereits mit 42 Jahren.

Die Trunksucht riss ihn aus dem Leben, manches Werk konnte Mussorgski nicht mehr vollenden. So auch die Oper Der Jahrmarkt von Sorotschinzi, komponiert nach einer Erzählung Nikolai Gogols, mit Szenen aus dem abergläubischen, lebensfrohen, grotesken, versoffenen Russland. Das klingt nach Ironie der Geschichte: Am Alkohol zugrunde gehend, schreibt Mussorgski ein Stück voller Empathie über die Gebräuche des russischen, in diesem Fall genauer, des ukrainischen (kleinrussischen) Volkes, darin das Saufen burlesken Charakter bekommt. Und die lallenden Herrschaften durchaus unsere Sympathie haben.

Wo es fesch und bunt, laut und ungeschlacht, vital und derb zugeht, da ist Barrie Kosky, seit der Spielzeit 2012/13 Intendant, zugleich Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, in seinem Element. Zuweilen begibt sich der Australier auf die Suche nach Raritäten des Repertoires, zuletzt hat er diverse Operettenschätze gehoben, nun also das Jahrmarkt-Fragment. Ohne Risiken ist die Realisierung dieser Ausgrabung freilich nicht. Mussorgski selbst hat von diesem Dreiakter vielleicht gut 60 Minuten Musik hinterlassen, diverse Bearbeiter haben versucht, daraus eine gerundete Fassung zu schmieden. Kosky entschied sich für die Version des Musikwissenschaftlers Pawel Lamm in Kooperation mit dem Komponisten Wissarion J. Schebalin, die erst 1932 entstand.

Diese Fassung scheine den Absichten Mussorgskis am nächsten zu kommen, lautet die nicht wirklich überzeugend vorgetragene Begründung. Und um überhaupt auf zwei Stunden Spieldauer zu kommen, dem Ganzen zur Rundung sowie atmosphärischen Dichte zu verhelfen, fügt Kosky weitere Musik hinzu. Am Beginn und Schluss das Hebräische Lied op. 7 Nr. 2 von Nikolai Rimski-Korsakow, inmitten der Oper drei Lieder und Tänze des Todes von Mussorgski. Das ist tatsächlich von außerordentlicher Wirkung, vor allem dann, wenn sich die hinreißenden Chöre, klanglich raffiniert unterstützt nur von der Zither-ähnlichen Bandura, zu starker Bildmacht formieren.

So wird dieser Jahrmarkt zur veritablen Choroper, in der es Kosky als Regisseur aufs Schönste versteht, die Massen zu lenken, ohne peinliches Geschiebe oder wirres Gerenne. Das Stück behält zumeist seinen komödiantischen, ja bisweilen derben Charakter, ganz im Sinne Mussorgskis, gewinnt indes durch die Beigaben an ernster, sogar philosophischer Unterfütterung. Das hat allerdings seinen Preis: der Handlungsfortgang, der ohnehin wenig stringent ist, stockt. Und sowieso hat die Regie Probleme mit der Führung einzelner Personen, die in dem kargen Bühnenbild von Katrin Lea Tag bisweilen ziemlich verloren herumstehen.

Denn dieser Jahrmarkt lebt nicht gerade von opulenter Ausstattung, kommt vielmehr reichlich abstrakt daher. Wir blicken zunächst tief hinein ins leere Bühnengeviert, später durchzieht ein wuchtiges Podest den Raum. Hier also wird die Geschichte des Bauernburschen Grizko verhandelt, der Parasja, die Tochter des ewig trunkenen Tscherewik, heiraten will. Dem steht allerdings die Stiefmutter des Mädchens, Chiwrja, energisch im Weg. Ein ernstes Problem, hätte nicht Chiwrja selbst ein frivoles Geheimnis: Ausgerechnet der Sohn des Popen ist ihr Geliebter. Schließlich gelingt es, durch die ziemlich undurchsichtigen Winkelzüge eines Zigeuners, das junge Paar zu verheiraten. Und über allem schwebt diese Gruselgeschichte von der roten Jacke, die irgendwo im Dorf verborgen liegt. Sie soll dem Teufel gehören, der bisweilen auf dem Markt in Schweinsgestalt auftaucht, um sein Wams zu suchen.

So schwankt Mussorgskis Oper zwischen volkstümlichem Frohsinn, lyrisch innigen Momenten, einer ungeschlachten Typenparade und abergläubischer Massenhysterie. Regisseur Barrie Kosky hat keine Probleme, den groben Tscherewik (Jens Larsen, mit roher Bassgewalt) und seine keifende Frau (Agnes Zwierko, mit leicht überzeichneter Mezzowucht) zu skizzieren. Auch der trottelig-verliebte Popensohn (Ivan Tursic, ein kerniger Tenor) ist ein echter Typ. Das heimliche Treffen der beiden gerät zwar zum ordinären Slapstick mit Busen, Torte und gestopftem Truthahn, doch Kosky verunglimpft seine Figuren nicht. Schwieriger wird es mit der Behandlung des Liebespaares, das die Regie am liebsten vor sich hinträumen lässt. Zunächst gibt Mirka Wagner die Parasja ziemlich robust, später findet ihr Sopran zu wärmeren, differenzierten Farben. Auch Alexander Lewis benötigt als Grizko etwas Zeit, um sich aus enger Stimmführung zu befreien Richtung tenoraler Emphase.

Zum Höhepunkt der Oper gerät indes Grizkos Albtraum von einem opulenten Erntedankfest, das sich als hysterisch aufgeladener Hexensabbat entpuppt. Gestalten in Schweinsmasken, manche gar auf Stelzen (so steht es in Gogols Erzählung), beherrschen diese teuflische Szene. Koskys Choreographie ist meisterhaft, das Vocalconsort Berlin und der Kinderchor der Komischen Oper geben alles, und aus dem Graben fetzt Mussorgskis Nacht auf dem kahlen Berge. Dirigent Henrik Nánási lässt hier einmal Zügellosigkeit walten, wo sonst sorgfältig ausphrasierte Stimmungsmomente das Sagen haben. Das Orchester bewahrt die folkloristische Lebenslust vor Überhitzung, hält auch die bisweilen raue Tonsprache des Komponisten angenehm unter Kontrolle.

Trotz allem bleibt am Ende ein zwiespältiger Eindruck. Ohne die musikalischen Beigaben würde dieses Jahrmarkt-Fragment, mit einer Geschichte, die sich nicht rundet, kaum tragfähig sein für die Bühne. Die verwendete Fassung kann darüber nicht hinwegtäuschen. Doch immerhin: Kosky ist das Wagnis eingegangen, hat oft pointenreich, bisweilen aber auch etwas hilflos inszeniert. Mehr war wohl nicht drin.