Genoveva im Nationaltheater Mannheim

In Treue fest, dem Abgrund nahe

An das romantische Märchen mit der Legende um die heilige Genoveva erinnert nur das große Gemälde mit Hirschkuh und stolzem Geweihträger, das die Knechte in die unterkühlte Szene hineintragen. Doch für Regisseurin Yona Kim, die sich im Nationaltheater Mannheim der selten gespielten Oper „Genoveva“ von Robert Schumann annimmt, ist das ebenso „nur“ Zitat wie der Flügel, an dem vor dem vierten Akt ein Komponist sinniert, derweil aus dem Graben zwei seiner Geistervariationen erklingen. So in sich zerrissen wie Schumann selbst werden in der Inszenierung die Figuren gesehen als zeitlose Phänotypen: Sich selbst ausgeliefert, ihrer Triebe nicht Herr, oder wie die Titelfigur Opfer ihres verabsolutierten Treue-Begriffs. Yona Kim hebt sie aus zeitbedingter Erzählweise heraus und gibt ihnen zeitlose Gültigkeit, denn Zerrüttung, unausgesprochene Phantasien und zwanghafte Verdrängung sind den Figuren immanent, während die „Story“ eher die Folie dafür abgibt.

Die Geschichte selbst ist schnell erzählt. Pfalzgraf Siegfried zieht in den Krieg und vertraut seine Gattin der Fürsorge des Lehnsknechts Golo an. Der aber möchte ihrer habhaft werden und spinnt mit Hilfe der intriganten, schwarzer Magie zugewandten Margaretha finstere Pläne. Genoveva wird zum Opfer und Siegfried, aus dem Krieg innerlich und äußerlich verletzt zurückgekehrt, will ihren Tod, denn Herr Hagestolz zweifelt an seiner untadeligen Gattin. Gegen Ende bekennt Margaretha ihr böses Spiel und alles wird unter Absingen eines Chorals wieder gut? Nein, sagt uns die Inszenierung. Weil Yona Kim die Kühle und Kargheit der von Herbert Murauer perfekt stilisierten Szene konsequent auf die seelische Verarmung der Protagonisten überträgt, die ihre inneren Verwerfungen an Genoveva auslassen. Das kommt in großer Eindringlichkeit an den Betrachter heran, zumal die Verführbarkeit der Massen sehr konsequent ausgebreitet wird. Heute will der (sehr gute) Chor die Genoveva verdammt und verurteilt sehen, später wird er „Heil Genoveva“ rufen.

Die Titelfigur, der die Regie einiges zumutet, wird von Astrid Kessler darstellerisch herausragend und gesanglich intensiv mit farbenreichem Sopran ausgeleuchtet. Ihr zur Seite der recht kernige Bariton Evez Abdulla als eher einfach gestrickter Pfalzgraf Siegfried, Tenor Andreas Hermann in der doppelbödigen Partie des verschmähten Möchtegern-Liebhabers und Lehnsknechts Golo, und die Böse: Maria Markina singt die von ihren Lüsten getriebene Amme Margaretha mit harten Mezzo-Registerwechseln sehr abgründig. Doch hört man in Referenzaufnahmen hinein, macht sich leichte Enttäuschung breit über die Besetzung im Nationaltheater. GMD Alexander Soddy geht die Partitur recht plakativ an, lässt das Orchester dessen instrumentale Trümpfe ausspielen und scheint in Sachen Sängerführung sensible Feinabstufung zu Gunsten des großen Wurfs ein wenig zurückzustellen. Das Premierenpublikum war – mit deutlichen Abstufungen - sehr zufrieden und hatte nichts auszusetzen.