Phädra im Berlin, Deutsches Theater

Angst vorm Ich

Das Leben ist nicht immer fair. Erst recht, wenn man bei Hofe lebt, die Götter über das Schicksal herrschen und die einzig wahrhaftige Empfindung die Liebe zu einem unerreichbaren Mann ist. Dann ist das Chaos programmiert.

Ja, die Tragödie Phädra in fünf Akten von Jean Racine, 1677 geschrieben und 1805 dann von Friedrich Schiller ins Deutsche übersetzt, ist ein Spektakel rund um eine irgendwo zwischen Hysterie und Selbstaufgabe wandelnde Frau, um Intrigen, irrige Wendungen und die Logiken einer höfischen Gesellschaft. Am Deutschen Theater hat man sich entschieden, diesen Stoff nun auf die Bretter zu bringen, aber man sucht vergebens nach der Relevanz fürs Jetzt. Da ist Phädra, die sich hoffnungslos verrennt in der Vernarrtheit zu dem Stiefsohn Hippolyt. Racine habe damit einen populären Diskurs des 17. Jahrhunderts aufgenommen, wonach Gefühle als Teil der menschlichen Natur verstanden wurden, die es zu beherrschen galt. Phädra scheitert, denn sie hat ihre Leidenschaften nicht unter Kontrolle; sie spricht über ihre Liebe und gesteht sie in einem emotionalen Schwall dem Stiefsohn. Es kommt, wies kommen muss: Hippolyt weist sie zurück. Am Ende des Dramas begeht Phädra Selbstmord und die Gleichung geht auf: Die Menschen sind dem Unglück geweiht, wenn sie sich ihren Gefühlen hingeben. In einer individualisierten Gesellschaft, in der das Deutsche Theater steht, mutet die Tragödie um Phädra dann doch reichlich antiquiert an: Entweder würde die arme Frau heute nach der Zurückweisung ein paar Runden beim Psycho-Doc buchen oder der Bubi würde den Avancen der erfahrenen Dame schon aus Neugier nachgeben. Auf jeden Fall: So oder so würde die Geschichte heute anders laufen. Das Theater sieht als Klammer zum Jetzt die Scham. Scham über die unkontrollierbare Leidenschaft; Demütigung über die Zurückweisung. Motive, die bis heute wirkten, wenn es etwa zu sogenannten Ehrenmorden käme oder Menschen Selbstmord begingen aus einer narzisstischen Krise heraus, weil sie ihre Arbeit verlieren.

Das alles mag stimmen, aber wirklich berührend ist das Ganze nicht. Die prominente Schauspielerin Corinna Harfouch gibt die Phädra als labile Psychotante, die immer wieder um Fassung ringt, taumelt, theatralisch die pathetischen Schiller-Sätze zu übersteigertem Ausdruck formt. Hippolyt wird zurückhaltend gespielt von Alexander Khuon, der ob des Schlamassels deutlich überfordert scheint und ja auch ganz im Gegenteil in die junge Aricia, eine feindliche Gefangene, verknallt ist. Die wiederum wird mit viel selbstbewusstem Charme von Linn Reusse gegeben. Regisseur Stephan Kimmig setzt darauf, das Farbenspiel der Gefühle am artifiziellen Duktus der Tragödie zu brechen, so kommt es immer wieder zu attraktiven schauspielerischen Momenten, die vor gänzlich weißer Bühne gesetzt (Katja Haß) noch mehr funkeln. So ist das Schauspiel dann eine schöne Inszenierung menschlicher Konflikte entlang einer mythologischen Story - am Deutschen Theater hier und da ein wenig entstaubt –, ist es für Fans großer Sätze und noch größerer Dramen allemal empfehlenswert.