Real Magic im Theatertreffen Berlin

Übungen für Schauspieler

Die Koproduktion von PACT Zollverein in Essen, HAU Hebbel am Ufer, dem Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt, dem Tanzquartier Wien, ACCA Attenborough Centre for the Creative Arts an der University of Sussex, dem Spalding Gray Consortium – On the Boards, Seattle, PS122 NYC, dem Walker Art Center in Minneapolis und dem Warhol Museum in Pittsburgh ist unaufwändig: sechs stehende Leuchtröhren, ein Rasenteppich, ein Standmikrofon und zwei Stühle lassen sich leicht transportieren, auf- und abbauen. Auch die Kostüme der drei Darsteller, quietschgelbe Kükenanzüge mit zugehörigen Ganzköpfen oder nur in Unterwäsche, verweisen auch auf einen geringen Produktionsetat. Und selbst die gesprochenen Texte füllen kaum eine DIN A 4-Seite. Denn die Dialoge sind identisch in ihrer Abfolge, ganz gleich welcher Rollentausch der Entertainer*innen Jerry Killick, Richard Lowdon und Claire Marshall erfolgt. Spielbehauptung ist eine TV-Show mit eingeblendeten Lachern und Applaus eines fiktiven Studio-Pubikums. Der/die Kandidati*in soll jenen Begriff erraten, den ein Dritter gerade denkt. Aber ganz gleich, ob der Perzipient an „Caravan“ oder „Sausage“ denkt und seinen Begriff den Zuschauern im Saal auf einem Karton geschrieben vorzeigt, stets rät der/die Kandidat*in dreimal falsch („electricity“, „hole“ „money“). Wenn die Reihe der drei Beteiligten einmal durchgelaufen ist, könnte das System langweilig werden, und das wird es auch streckenweise. Doch die Entertainer*innen Jerry Killick, Richard Lowdon und Claire Marshall gewinnen den Rollen von Quizmaster und Kandidat*innen immer neue Facetten, Grimassen, Körperverrenkungen ab, oder markieren, wenn gar nichts mehr hilft, in ihren gelben Junghühnerkostümteilen den Ententanz. So geht das knapp anderthalb Stunden lang, ohne dass die Begriffe erraten würden – selbst auf den verzweifelten finalen Unterschleifversuch des „Denkers“ vermag die Kandidatin partout nicht einzugehen. Ein sinnloses Unterfangen, das verstören will und auch verstört. Diese gesteigerten Übungen für Schauspieler lassen an Samuel Becketts Satz vom „Immer wieder scheitern, immer besser scheitern“ denken. Selbst jene Zuschauer, die gelangweilt sind, können sich plötzlich eines spontanen Auflachens nicht erwehren.

Die zur Truppe gehörende Geigerin Aisha Orazbayeva mit ihren ungewöhnlichen Spieltechniken tritt in diesem Stück nicht in Persona auf; aber das Programmblatt benennt das Grave aus Georg Philipp Telemanns „Fantasia Nr. 1 in B-Dur“ in Orazbayevas Interpretation als Musik des Abends: drei Personen über dem eigenen Abgrund, deren Tristesse vergeblicher Versuche, sich aus bewährten Mustern zu lösen, in der Traurigkeit eines kontrarhythmischen Hühnertanzes kulminiert.