Der fliegende Holländer im bayernhafen Regensburg

Kräne wie Kraken und Geisterschiff im Bayernhafen

Steckerlfische, Heringsbrötchen und Octopussalat boten die fliegenden Händler an ihren improvisiert aufgeschlagenen Ständen in Regensburgs Stadthafen gegenüber dem imposanten Jugendstil-Lagerhaus jenseits des Hafenbeckens. Für Fischverächter gab's Riesenbretzen und bayerisches Bier - alles ordentlich teuer. Festes Schuhwerk war im Vorfeld empfohlen worden. Denn es galt, über Betonwege zwischen Hafengleisen, Containerstapeln und langhalsigen Hebekränen zum Klappstuhl oder Stehplatz zwischen Eisengittern zu balancieren.

Über 2000 Schaulustige waren gekommen - per Shuttle, Fahrrad, PKW oder Bus - bis von Deggendorf her, um das mittlerweile traditionelle „Event“ zum Ende der Regensburger Theatersaison zu genießen.

Mit seiner musikalisch-literarischen Installation und Inszenierung Über uns der Himmel lockte 2013 Regensburgs damals neuer Theaterintendant Jens Neundorff von Enzberg über 2000 Zuschauer nach Walhalla. Es folgte ein Open-Air-Konzert im Steinbruch und nun die halbszenische Aufführung des Fliegenden Holländers im Bayernhafen von Regensburg.

In die Klänge der Ouvertüre hinein grummelte Donner von fern. Aber Gewitter und Regen hielten im Verlauf der zweistündigen Aufführung dann doch (anders als bei der Generalprobe) respektvolle Distanz. Ein Schwalbenschwarm segelte in der Dunkelheit lautlos über das stille Wasser des Hafenbeckens, wo das Ausflugsschiff „Fürstin Gloria“ vor Anker lag. Kräne, die das langgestreckte Lagerhaus flankierten, warfen ihre Schatten wie Kraken auf die Fassade. Eine putzige Drohne inspizierte das ungewöhnliche Spektakel keck. Später glitt das Geisterschiff des Holländers, von eisblauen Nebelschwaden umwölkt, durch das Gewässer, in das sich (eine animierte) Senta von den Zinnen des Leuchtturms stürzte.

Das aufwendige Videodesign von Andreas Hauslaib erzielte bei der Projektion auf dem fensterreichen Backstein-Gebäude nur zeitweise den konzipierten Effekt. Grandios allerdings ergossen sich perlende Lichterkaskaden wie Feuerwerksexplosionen in die Nacht, als der Holländer Senta warnt, ihm ihr Leben zu opfern. Live aufgenommene Videos der Sänger, die auf der Verladerampe vor dem Lagerhaus standen, zitterten und verschwammen auf der grobkörnigen Fassade der Lagerhaus-Seitenflügel.

Die akustische Qualität der Lautsprecher-Übertragung hing stark von der jeweiligen Position der Zuhörer ab. Von überraschend guter Qualität allerdings konnte das Orchester unter der Leitung seines GMD Tetsuro Ban wahrgenommen werden. Aussprache, Timbre und Stimmführung der Solisten dagegen waren wenig zufriedenstellend. Am meisten überzeugte Jongmin Yoon als Daland. Hölzern kam Adam Kruzel (Holländer) über, unausgeglichen Aile Asszonyi (Senta). Völlig aus dem spärlichen Aktionsraum verbannt waren die Chöre (Opernchor des Theaters und Cantemus Chor, einstudiert von Alistair Lilley und Matthias Schlier). Aufgereiht am Kai zwischen dem Orchesterpavillon und der Spielfläche konzentrierten sie sich auf ihre stimmlichen Aufgaben, was gut gelang.

Mit Aufführungen bei Festspielen wie auf der Bodensee-Bühne von Bregenz, wo der Holländer ja ebenfalls ein optimales Ambiente vorfindet, oder gar dem Wagner-Mekka Bayreuth darf man dieses „Event“ nicht vergleichen. Insgesamt allerdings bleibt das Fazit: als Unterfangen eines mittleres Stadttheaters zum Saisonabschluss, wenn eigentlich alle schon recht erschöpft sind, bot der Abend in der gigantischen Logistik von Jona Manow ein Glanzlicht für die Region und dürfte manchen Noch-nicht-Opernfan neugierig auf das Regensburger Theater gemacht haben.