Zeppelin im Schaubühne Berlin

Das magische Ding

An was Menschen nicht alles glauben: den lieben Gott, ihren Lieblingsfußballclub, die Liebe, daran, dass morgen alles besser wird oder auch daran, dass eine neue Partei das macht, was die übrigen nur versprechen. Anfang des vergangenen Jahrhunderts glaubten die Menschen an die Zukunft, den Fortschritt und daran, dass die Technik Wunder vollbringen könne. In diese Stimmung schwebt wie von magischer Hand erschaffen der Zeppelin, erscheint plötzlich am Himmel und bringt die Menschen unten am Boden zum Staunen. Das Luftschiff - ein wahrer Star am Himmel!

Der Volksbühnenmann Herbert Fritsch, der künftig öfter an der Berliner Schaubühne inszenieren darf, hat zu seinem Einstand an diesem Haus etwas von diesem magischen Glamour geklaut und auf die Bühne einen riesigen Zeppelin gestellt. Warum? Der Zeppelin ist laut Schaubühne nichts weniger als „Symbol, Fetisch, Idol, Kaleidoskop der Gegenätze und Doppelmoral, Wunder und Phantasmagorie“.

Um ihn herum haben sich acht ebenso skurrile wie effekthaschende Typen versammelt; sie scheinen mit dem Zeppelin durchs Jahrhundert gefallen und haben sich für den Flirt mit dem Schaubühnen-Publikum hübsch ausstaffiert, mit Schleifchen und Rüschen, obskuren Frisuren und ordentlich Quaste im Gesicht. Sie lässt Fritsch ein Mosaik aus Texten von Ödön von Horváth aufsagen. Oder sollte man lieber sagen: quasseln? Ja, es ist eine ulkige Suppe, die einem da in die Ohren schwappt, Sinn ergibt das alles jedenfalls nicht, dieses kindliche Spiel, in dem jede Figur versucht die nächste mit Albernheiten zu übertreffen: „Irgendwann werden Sie das alles verstehen“, sagt einer der Schauspieler am Ende der Vorstellung dem Publikum entgegen, ebenso staunend wie selbstverständlich kommen ihm diese Worte über die Lippen. Und leider auch etwas pathetisch! Immer wieder sorgt Fritsch aber mit der überraschenden Aneinanderreihung von Horváth-Versatzstücken beispielsweise aus Kasimir und Karoline oder dem Sportmärchen für Lacher im Publikum. Die richtige musikalische Stimmung kreiert dabei Ingo Günther am Keyboard.

Ist es zunächst noch ein unsicheres Herantasten der Figuren an den Zeppelin, so erobern sie sich ihn ab etwa der Hälfte der Aufführung immer mehr, kraxeln auf und ihm herum, fliegen mit ihm über der Bühne - nicht ohne Schwierigkeiten, dafür aber mit umso mehr Faszination für das magische Ding, das wie ein Ufo in ihre Sphäre geschwebt scheint.

Was bleibt? Viel Spielfreude von Florian Anderer, Jule Böwe, Werner Eng, Bastian Reiber, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler, Alina Stiegler und Axel Wandtke und die Erkenntnis, dass Menschen sich gerne faszinieren lassen. Und sei es auch nur von einem Zeppelin.