Professor Bernhardi im Schaubühne Berlin

Populismus gestern und heute

Professor Bernhardi, Arthur Schnitzlers „Komödie in 5 Akten“, wurde 1912 am Berliner Lessing-Theater uraufgeführt. In Wien war dieses kritische und intelligente Werk verboten. Was nicht verwundert, spielte doch der Rassenhass in der Politik im Reich der Habsburger eine wesentliche Rolle. Die Zeit von 1882 bis 1924 war geprägt von ständigen Konflikten der verschiedenen ethnischen Gruppen, die innerhalb des Vielvölkerstaates um politischen Einfluss kämpften. Der Wiener Bürgermeister Karl Lueger, Chef der Christlichsozialen Partei und nach Kaiser Franz Joseph der bedeutendste Politiker im Reich, war der Anführer der stärksten antisemitischen Bewegung unter den Deutschösterreichern.

Professor Bernhardi ist Direktor einer Privatklinik. Er verweigert einem Priester den Zugang zu einer sterbenden jungen Frau aus medizinischen und menschlichen Gründen. Glaubt sie sich doch in diesem Moment auf dem Weg zur Genesung. Der Anblick des Geistlichen könnte sie in Angst versetzen und ihren Tod beschleunigen. Der Priester beruft sich auf das Gesetz der Kirche. Während die beiden streiten, verstirbt die Patientin ohne Letzte Ölung. Die Hexenjagd gegen Bernhardi, der Jude ist, beginnt. Ärzte und Politiker diskutieren den Fall. Unsachlich, da konfessionelle und politische Gründe ins Spiel kommen, aber auch persönliche Vorurteile und zum Teil unverhohlener Antisemitismus. Bernhardi, angeekelt von diesen Intrigen, wehrt sich kaum. Durch sein selbstbewusstes, scheinbar arrogantes Verhalten stößt er selbst Freunde vor den Kopf und liefert den Gegnern neue Argumente.

Thomas Ostermeier inszenierte Professor Bernhardi an der Schaubühne Berlin. Das Bühnenbild zeigt ein strahlend weißes Krankenhausszenario mit zwei Türen an der hinteren Wand. Ein Krankenbett, ein Schreibtisch mit Sessel, ein Schrank für diverse Akten, nicht zu vergessen ein Desinfektionsautomat – mehr Requisiten bedarf es nicht, um die Privatklinik „Elisabethinum“ darzustellen. Das medizinische Personal ist ebenfalls in Weiß gekleidet. Ein Spielort, der zeitlos ist. Die bildende Künstlerin Katharina Ziemke schreibt mit Ölkreide auf die helle Wand, wo man sich in den verschiedenen Akten befindet. Ostermeier hat die Stückfassung zusammen mit dem Dramaturgen Florian Borchmeyer dem aktuellen Sprachgebrauch angepasst. So wurden zum Beispiel aus der „antisemitisch-klerikalen Partei“ „rechtspopulistisch-völkische Kräfte“.

Die Inszenierung entwickelt zunehmend einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Die Schauspieler überzeugen alle durch engagiertes und großartiges Spiel, wobei die emotionalen Polarisierungen beherrscht bis leidenschaftlich skizziert werden. Hans-Jochen Wagner als Gesundheitsminister Flint ist ein typischer Wendehals, der geschmeidig-schlüpfrig seine Argumente wechselt, ja nachdem, wie es ihm für seine politische Karriere opportun erscheint. Was sein Jugendfreund Bernhardi natürlich übel nimmt. Sebastian Schwarz spielt überzeugend Dr. Ebenwald, Bernhardis Widersacher und ehrgeizigen Konkurrenten um die Klinikleitung. Er macht aus seiner antisemitischen Haltung keinen Hehl. Ministerialrat Dr. Winkler – Christoph Gawenda gibt diesen gewieften Staatsdiener scharfzüngig und treffend – kommentiert Bernhardis Position, sich nicht als politischen Kämpfer instrumentalisieren zu lassen, mit den Worten: „…dass wir uns innerlich noch nicht bereit fühlen, bis in die letzten Konsequenzen zu gehen … Und darum ist es das Beste, … wenn unsereiner sich in solche Geschichten gar nicht einmischt.“ Jörg Hartmann als Bernhardi steht zweifelsohne im Zentrum dieses Abends. Nicht nur, weil er die Hauptrolle spielt. Unnachahmlich, wie er mit wenigen mimischen Nuancen seinen Gefühlsregungen Ausdruck verleiht. Selbstdiszipliniert und – zumindest nach außen – ruhig, lässt er sich nicht provozieren. Ein Querdenker, manchmal ironisch bis zynisch, beharrt er auf seiner Meinung. Als er nach zweimonatiger Haft entlassen und plötzlich von allen Seiten bejubelt wird, auch da will er Privatmensch bleiben. Zum Schluss sehen wir ihn allein auf der Bühne. Alle Requisiten wurden entfernt, kein anderer Schauspieler ist mehr zu sehen. Nachdenklich – die Kamera zeigt sein Gesicht in Großaufnahme.

Ein fesselnder Abend, der angesichts der heutigen politischen Situation hochaktuell ist und uns mit der Frage entlässt, wie wir uns in solchen Zeiten verhalten sollten.

Was kann Theater mehr erreichen?