Home, Sweet Home im Theater Osnabrück

Unter dem Vater leiden

In seiner neuen Kammerchoreografie für vier Solisten und sechs Gruppentänzer nimmt Mauro de Candia ein „Allerweltsthema" auf, das bis heute in die Behandlungszimmer von Psychologen und Neurologen verbannt wird: das krankhafte Leiden sensibler Söhne an ihren Vätern mit tiefen Depressionen und bipolaren Störungen. Im Alter von siebenunddreißig Jahren schrieb Franz Kafka einen fünfundvierzig (Druck-)Seiten langen Brief an seinen als extrem dominant und gefühllos empfundenen Vater. Obwohl sein selbstkritisch reflektierendes Fazit am Ende des Briefes positiv ausfällt - er entscheidet sich gegen den Bruch - schickt er den Brief, diesen ultimativen Versuch der Flucht durch das Schreiben, nie ab, sondern übergab ihn seiner Gefährtin Milena Jesenská. 1952 wurde der Text veröffentlicht.

Statt Selbstvertrauen habe der Vater Schuldbewusstsein in ihm genährt, klagt Kafka da. „Wie ein König auf Reisen" habe er geherrscht, Terrain erobert, sodass für den Sohn kaum Regionen auf der „Landkarte" übrig blieben. Des Vaters Misstrauen gegenüber allen Menschen habe den Familiensinn des Sohnes zerstört und jeden Versuch, sich in eine eigene Identität zu retten, im Keim erstickt. In keiner Hinsicht sei der Vater als Vorbild zu erkennen gewesen. Der Sohn habe „Aufmunterung" gebraucht. „Ich war ja schon niedergedrückt durch deine bloße Körperlichkeit". Nie sei es sein „Lebensgrundsatz" gewesen, „immer alles contra" zu tun oder sagen, wie der Vater unterstellte. Dennoch schwächt der Sohn immer wieder dessen „Schuld" ab und reicht ihm - nach einer fiktiven, beißend zynischen Replik des Vaters - schließlich die Hand.

De Candia hat die Zahl der in dem Text charakterisierten und erwähnten Personen auf vier Familienmitglieder reduziert: Vater, Mutter, eine der drei Schwestern und den reflektierend schreibenden Sohn. Das Personal im väterlichen Geschäft und die dort auch beschäftigte Nichte Irma sind gestrichen. Dafür skizzieren sechs schwarze Gestalten (eher simpel in den Bewegungen und Formationen statt mysteriös-gespenstisch kafkaesk) die Welt des Sohnes, seine leidende Seele. Dessen Leidensweg aufgrund einer völlig anderen Persönlichkeitsstruktur als der des forschen, dynamischen, jähzornigen Vaters setzt Lockenkopf Lennart Huysentruyt (berührend glaubwürdig in de Candias bizarre Bewegungen, zumeist am Boden, um.

Furchterregend grobschlächtig trampelt Oleksandr Khudimov im silbern schimmernden Business-Anzug und mit gegelter Frisur über den blank gescheuerten, langen Küchentisch der Familie, um seine „Überlegenheit durch Ironie" unter Beweis zu stellen. Scheu dem fast zärtlichen Ehegatten gegenüber und zaghaft liebevoll sich dem Sohn annähernd, „das Urbild der Vernunft", gibt sich Marine Sanchez Egasse als Mutter. Die sehr zarte, aber selbstbewusst auftretende Cristina Commisso als Lieblingstochter Valli bemüht sich um Familienharmonie, indem sie, wenn der Vater auszurasten droht, besänftigend ihre Hand auf seinen Arm legt.

Die Klangcollage setzt sich aus Kammermusik zeitgenössischer Komponisten zusammen, originell vor allem in den klopfenden Klängen und Rhythmen aus „Journey" und „Windows" der Finnin Kaija Saariaho. Wogegen (nicht identifizierte) Ausschnitte aus einem Stimmengewirr zu Beginn und gegen Ende der neunzigminüten Performance eher den Wunsch nach der Lesung von Kafka-Textstellen weckt. Allerdings: zu nah wollte de Candia ja wohl Kafkas anrührenden und aufwühlend intimen Reflexionen gar nicht kommen. Womöglich ließ er sich von dessen verallgemeinernder Aussage inspirieren, sich ein ganz normales Leben zu wünschen. „Heirat, Familiengründung und alle Kinder, welche kommen, hinnehmen" gelinge „tatsächlich nicht vielen," und so suche er selbst nur ein „Plätzchen auf der Erde, .... wo manchmal die Sonne hin scheint und man sich wärmen kann".