Die Zofen im Berlin, Deutsches Theater

Tanten in Strumpfhosen

Moderner Feudalismus. In Berlin steht er aktuell im künstlerischen Fadenkreuz. An der Berliner Schaubühne sind die Aufführungen von Rückkehr nach Reims nach Didier Eribon restlos ausverkauft - die Zuschauer dürsten nach der Beschreibung der sozialen Schichtung und Geschichten rund um Akkordarbeit und Bildungsferne im postrevolutionären Frankreich. Nun führt das Deutsche Theater Jean Genets Dauerbrenner Die Zofen auf. In der Einrichtung von Regisseur Ivan Panteleev, dem Mann mit dem Feeling für Klassiker und ironische Drehungen, kommt der Stoff als bitterböse Satire auf Rollenverteilungen in der modernen Gesellschaft daher.

Na, wer kennt es nicht: So als Angestellter dem eigenen Chef mal ins Gesicht sagen, dass er ein Riesenarschloch ist, ein kleinkariertes Rindvieh oder ein inkompetenter Dampfplauderer. Das geht in der Regel daneben, denn der freie Mensch in unserer aufgeklärten Gesellschaft ist nur so selbstbestimmt, wie es die jeweilige Hierarchiestufe gerade zulässt. Genet hat im Jahr 1946 eine Konstellation geschaffen, die eben so scharf gesellschaftliche Abhängigkeiten beschreibt wie Identität als Konstrukt eines von außen gegebenen Zusammenspiels der Umstände aufzeigt: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein - und nicht das Bewusstsein das Sein“, traf schon Marx den Nagel auf den Kopf.

Zurück zum Stoff: Bei den Zofen Claire und Solange hat sich einiges aufgestaut. Vielleicht weil sie nur unsinnige Arbeiten zu verrichten haben, wie Blumenkübel herumzuschleppen, dreht sich ihre Energie gegen die „gnädigen Herrschaften“, die sie dominieren und in der Hand haben.

Genet hatte sich als intelligenten Brechungseffekt damals ausgedacht, die Zofen als Männerrollen anzulegen. Panteleev steckt den hoch gehandelten Samuel Finzi als Claire in eine zu enge Strumpfhose und der kontrapartisch auftretende Wolfram Koch darf Solange geben: Finzi, der mit jedem Satz eine neue, hintergründige und beängstigende Farbe in den Charakter bringt, trifft am Deutschen Theater auf Koch, der die Solange als die weniger Intelligente der Zwei ausschraffiert.

Vor der Bühne, einem Spiegelschrank der „gnädigen Frau“, führen Finzi und Koch ihre irren Rollenspiele auf: ein Verhandeln über Macht, Sexualität und Intrigen, ein Abarbeiten der Zofen an ihren Herrschaften entspinnt sich. Irgendwann stößt die gnädige Frau, Bernd Stempel, dazu - gänzlich hemdsärmelig und sympathisch kommt die daher, und die Aggressionen der Bediensteten wollen nicht so recht zu diesem liebenswerten Trampel passen. Stempel schlägt sich wacker in seinem blauen Fummel, aber gibt der Figur etwas zu wenig Substanz.

Schade, dass die Inszenierung phasenweise ins Slapstickartige à la „Charleys Tante“ abrutscht, und das Publikum mit den in zu enge Strumpfhosen gequetschten Genitalien belästigt wird. Da hätte Panteleev stringenter an die Spielintelligenz seiner Schauspieler glauben können. Denn der Stoff hat keine Laufmaschen nötig.

Was bleibt? Genet hat aufgezeigt, wie Geld die Gesellschaft pathologisiert, und es ist zu hoffen, dass das Berliner Publikum genug Kleingeld für die nächste Aufführung am Deutschen Theater übrig hat. Auf Änderungen in unserer gespaltenen deutschen Gesellschaft bleibt zu hoffen - das Theater kann seinen Beitrag leisten.