Don Quixote im Hamburgische Staatsoper

Meisterwerk eines Tanzbesessenen

Das fast 150-jährige Don Quixote-Ballett von Ludwig Minkus erlangte im 20. Jahrhundert Unsterblichkeit durch den Pas de deux des Liebespaares Kitri und Basil, der bis heute bei kaum einer Ballett-Gala auf der ganzen Welt fehlt. Für den legendären Tänzer Rudolf Nurejew öffnete die Partie des jungen Dorfbarbiers das Tor zur westlichen Welt, nachdem eine Agentin den blutjungen Russen bei einer Vorstellung in St. Petersburg als ein potentielles Jahrhundert-Talent entdeckt hatte. 1966 stellte Nurejew Don Quixote in eigener Choreografie, angelehnt an das Original von Marius Petipa von 1869, in Wien vor.

Nicht von ungefähr hat Hamburgs Ballettintendant John Neumeier diese Fassung des qualitativ umstrittenen Ballett-Klassikers für die jüngste Premiere seines Hamburg Ballett am Vorabend des Gedenkens zum 200. Geburtstag von Petipa gewählt - seiner Kompanie zuliebe, in der mit bewundernswerter Regelmäßigkeit seit Jahrzehnten neue Talente reifen. In der Tat ist Nurejews Choreografie auf die Minkus-Ballettmusik mit ihrer rhythmisch prägnanten Abfolge kurzer Nummern das Meisterwerk eines Tanzbesessenen. Da wirbeln und wogen die Massen, da übertreffen sich virtuose Soli und synchrone Gruppentänze in atemraubendem Tempo. Für einige sei eben diese oder jene Partie technisch in der Nurejew-Fassung gerade jetzt optimal, lässt Neumeier wissen. Eindeutig ist damit die erst 23-jährige japanische Prix de Lausanne-Preisträgerin Madoka Sugai gemeint, die in der Tat über eine verblüffende technische Virtuosität und darstellerisch kokett-natürliche Ausstrahlung verfügt. Ihr etwas mehr erfahrener Partner Alexandr Trusch punktet nicht nur durch Zuverlässigkeit in den Hebungen und Stützen in komplizierten Posen, sondern vor allem durch sein charmantes Augenzwinkern als Waffe gegen die Konkurrenten (den staksigen Nobelmann Gamache alias Konstantin Tselikov und den Fantasten Don Quixote alias Carsten Jung). Auch Aleix Martinez fällt als Zigeuner angenehm auf und Yun-Su Park als Druade in dem angedeuteten „Weißen Akt“ sowie Lizhong Wang und Patrizia Friza als besonders akkurat tanzendes Paar. Nicht zuletzt verleiht eine Reihe Studierender der Ballettschule des Hamburg Ballett Nebenrollen Profil.

Von Cervantes' Roman um den „Ritter von der traurigen Gestalt“ lässt Nurejew wenig übrig. Er fokussiert ganz auf die rhythmisch prägnanten, kurzen Musiknummern von Ludwig Minkus, der sich auch kompositorisch reiche Erfahrung als Moskauer Ballettrepetitor erwarb. Carsten Jung - jahrelang Top-Tänzer des Hamburg Ballett - taucht nur schemenhaft und reichlich statuarisch auf als Titelfigur. Ebenso bleibt Nicolas Gläsmann als zartes Mönchlein Sancho Pansa mit ausgestopfter Wampe eine Randfigur. Der hochgewachsene Dario Franconi dominiert mit eleganter Souveränität den Dorfplatz als Kitris Vater Lorenzo. Lizhong Wang und Patrizia Friza beeindrucken im Prolog und Fandango mit technischer Präzision.

Dass Neumeier den jetzigen Direktor des Wiener Staatsballetts Manuael Legris (Nurejews Basil-Tänzer!) für die Einstudierung und die Verleihung der Ausstattung gewinnen konnte, kommt dem Niveau dieses tänzerisch hochkarätigen, unterhaltsamen Ballettabends sehr zugute.