Faust im Theater Heidelberg

Verstörender Alptraum

Ja, von Gounod blieb wenig übrig? Das Theater Heidelberg hat mit der Neuproduktion der Oper Faust (Margarete) von Charles Gounod ein heftiges Gegenmodell zum Konsumartikel „Oper“ entworfen, wenn Regisseur Martin G. Berger das Werk seziert, dekonstruiert und mit komplementären Textbausteinen zwischen Schopenhauer, Gerichtsakten, Schiller und Jelinek neu zusammensetzt. Es geht ihm darum, dieses Werk auf patriarchalische Muster hin abzuklopfen, um die Rolle der oft erniedrigten Frau zu ergründen und offenzulegen.

Eine anspruchsvolle, reflektierte Angelegenheit. Zwei Zusatzfiguren namens „Sie“, der Margarete zugesellt, und „Er“ als aktueller Zusatz-Bösewicht, kommentieren und flankieren das Geschehen, greifen in die Handlung ein. Die Musik schweigt öfter, als sie spricht, so will es einem scheinen, derweil die Regie einen Alptraum verstörender Bilder entfesselt. Denn unterlegt wird auch die Geschichte um den Österreicher Fritzl, der seine Tochter im Keller gefangen hielt und mehrfach schwängerte. Solche Abhängigkeitsverhältnisse, die in eine Deprivation von Persönlichkeit und Psyche münden, setzen bühnenwirksame harsche Kontrapunkte zur durchaus gefälligen Musik des Charles Gounod.

Entworfen wird in Heidelberg ein Bilderbogen bis hin zu greller Überbelichtung. Musiziert wird niveauvoll, denn Elias Grandy am Pult und seine Philharmoniker verlieren trotz der vielen szenischen Unterbrechungen weder Musizierlust noch Konzentration. Toll die Chorleistung auch in den grell-turbulenten Anforderungen. Gefeiert wurde Hye-Sung Na als Margarete, die im Einklang mit der Bühnensprache der Figur auch härteres Timbre zumaß. Als Doktor Faust hatte Martin Piskorski schöne Kantilene, allerdings auch leicht eingeengte tenorale Höhen zu bieten, während James Homann den Mephisto als schillernde Figur ausschöpfte. Oleksandr Prytolyuk als gefallener Krieger mit Pumpgun und Shahar Lavi als personifizierte Verlockung Sièbel komnplettierten das Gesangsensemble. In den Sprechrollen kamen glänzende Mimen zum Einsatz: Raphael Rubino als „Er“ und Magdalena Neuhaus als „Sie“ waren für die zusätzlichen, bitterbösen Momente um Gewalt und Unterwerfung zuständig.

Viel Beifall und wenige Buhrufe für eine verstörende, nachwirkende Neusichtung.