San Paolo im Theater Osnabrück

Heiligenlegende

Nach neunzig Operminuten kennen wir die wichtigsten Stationen im Leben des heiligen Paulus, jenes christlichen Völkermissionars, der Jesus zwar nie persönlich begegnet ist, aber für die Ausbreitung des Christentums und die Entwicklung einer Theologie von enormer Wichtigkeit war. Und nach eben diesen neunzig Opernminuten kennen wir auch einen Paulus, wie er mitten im 20. Jahrhundert auf Gottes heiligem Erdboden hätte pilgern und missionieren können. Genau dafür nämlich hat sich der legendäre italienische Filmemacher Pier Paolo Pasolini interessiert: für den einflussreichen Apostel. Und für seine Botschaft, wie er sie im 20. Jahrhundert vielleicht verkündet hätte. Pasolini hinterließ Pläne zu einem Film über dieses Thema, realisiert wurden sie nie. Sidney Corbett wählte nun zentrale Szenen des geplanten Streifens als Material für seine Oper San Paolo - unter Mitwirkung des Osnabrücker Theaterintendanten Ralf Waldschmidt, der, wie schon 2013 in „Das große Heft“, auch diesmal das Libretto eingerichtet hat. Und auch Alexander May war als Regisseur wieder mit „an Bord“ oder besser mit Paulus auf Pilgerreise durch halb Europa.

Im Grunde ist San Paolo nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Nacherzählung und Bebilderung einer bemerkenswerten Lebensgeschichte, die von etlichen Turbulenzen, von Höhen und von Tiefen geprägt war, in der Erfolg und Scheitern oft dicht beieinander lagen. Eine Erfahrung, die Verkünder neuer, buchstäblich „unerhörter“ Ideen durch alle Jahrhunderte hindurch haben machen müssen. Insofern funktioniert es problem- und reibungslos, die 2000 Jahre alte Vita des heiligen Paulus ins Hier und Jetzt zu transportieren. Bühnenbildner Wolf Gutjahr stellt dafür einen riesigen zweigeschossigen Kubus aus Trennwänden, Fenstern, Türen, Treppen und Leitern auf die Drehbühne des Theaters. So entstehen ganz unterschiedlich proportionierte Räume - enge, weite, mal aus rohem Sperrholz gefertigt, mal aus glattem, weißem Material. Räume, die sowohl intimes Kammerspiel zulassen als auch größere Massenszenen. Beides wechselt sich im Fortgang der Paulus-Geschichte einander ab.

Wer sich ein wenig auskennt in der Geschichte des Urchristentums, dem kommt der Inhalt von San Paolo auf Schritt und Tritt bekannt vor. Natürlich wird erzählt von der Mutation des Saulus zum Paulus beim berühmten „Damaskus-Erlebnis“, von den lebhaften Diskussionen in der Urgemeinde, wo Paulus auf den impulsiven und lautstark wetternden Petrus trifft. Da geht es um fundamentale Fragen wie die der „Heidenmission“, die der Widerstandskämpfer Petrus ablehnt. Später formuliert Paulus seine Ansichten über ein „keusches“ und gottgefälliges Leben, über die Stellung der Frau in der Gemeinde; er versucht in den Metropolen seiner Zeit, die Schönen und Reichen der Society vom Evangelium zu überzeugen. Regisseur Alexander May folgt mit seiner Inszenierung klar und deutlich den Ideen Pasolinis, der historisch-paulinische Begebenheiten mit solchen aus dem 20. Jahrhundert in Parallele setzt: die Besetzung Jerusalems durch die Römer im Jahr 35 findet in der Besetzung der französischen Hauptstadt 1941 durch deutsche Soldaten seine Entsprechung; die Gefangennahme von Paulus und seinem Weggefährten Timoteus Anno 49 in Philippi spiegelt sich (vermutlich) in jenem Ereignis 1952 in München, wo für die Freilassung von Kriegsgefangenen demonstriert wurde. Und wir werden Zeuge einer fröhlichen Party im Nachkriegs-Bonn, in der reichlich Schampus fließt, blicken auf soldatenhaft gekleidetes Personal, lassen uns an das Eingangstor des Konzentrationslagers Buchenwald erinnern oder begegnen den amerikanischen Hippies der Flower-Power-Zeit. Videoprojektionen unterstreichen diese Form der Aktualisierung. Aber man nimmt sie nicht viel mehr als „nur“ zur Kenntnis. Echte Empathie mit denen, die da singen und spielen, entwickelt sich kaum. Vielleicht liegt das auch an Sidney Corbetts Musik, die über weite Strecken kammermusikalische Qualitäten aufweist, jedenfalls nie laut ist. Sie wirkt aber auch recht uniform, zusammengestellt aus vielen kleinen Klangereignissen, die sich im Laufe des Abends wiederholen: das häufige Flirren der Streicher in hoher Lage etwa, oder Aktionen des Schlagwerks, sparsame Soli von Holz und Blech, mitunter kurze Fortissimo-Ausbrüche des Orchesters. Dazu ein Gesang, den Corbett nahezu gänzlich syllabisch angelegt hat. Keine Spur von Melismen, größeren Phrasen, die einen Bogen über ein oder zwei Textzeilen spannen würden. Opernmusik als „Kraftwerk der Gefühle“? Nicht in San Paolo!

Dabei stellen die Gesangspartien ganz gehörige Ansprüche an ihre Interpreten. Allen voran an Jan Friedrich Eggers in der Titelpartie. Er schultert seine Rolle ganz großartig, mit starker tenoraler Kondition und darstellerischer Grandezza, stimmlich mit vielen Farben und großer dynamischer Bandbreite ausgestattet. Daniel Wagner ist als Timoteo einer von Paulus’ ersten Sympathisanten - ein eindrucksvolles Rollenporträt! Auch die kleineren Partien aus dem Umfeld jener, die als christliche Urgemeinde oder deren Widersacher agieren, machen eine prima Figur: Susann Vent-Wunderlich als kraftvoller Jünger, Lina Liu aus Stimme Christi, Genadijus Bergorulko als Anania, der quasi die Initialzündung gibt zu Paulus’ Mission. Rhys Jenkins als Petrus punktet sowohl in optischer als auch klanglicher Hinsicht.

Die Rolle der Paulus gegenüber mal feindselig, mal wohlwollend gesinnten Volksmengen sorgen Opern- und Kinderchor des Theaters Osnabrück. Am Pult des Osnabrücker Symphonieorchesters steht dessen Kapellmeister Daniel Inbal. Wenn der Eindruck nicht täuscht, war der zur Uraufführung angereiste Komponist Sidney Corbett mit dem, was da aus dem Orchestergraben drang, höchst zufrieden! Mit den sängerischen Ressourcen des Ensembles allemal - und davon hatte sich das Premierenpublikum neunzig Minuten lang voll und ganz überzeugen lassen können.