In der Löwengrube im Theater in der Josefstadt

Ein Lehrstück über Fremdenfeindlichkeit

Der jüdische Schauspieler Leo Reuß wird zu Beginn der Nazizeit vom Berliner Staatstheater vertrieben. Er schlüpft in die Rolle des Tiroler Bergbauern Kaspar Brandhofer, der von der Vorsehung für den Schauspielerberuf bestimmt sei. Dem gelingt es, bei Max Reinhardt in Salzburg vorzusprechen - der ihn prompt als „Naturtalent“ an das Wiener Theater in der Josefstadt empfiehlt. Dort spielt er sehr erfolgreich in der Dramatisierung von Schnitzlers Fräulein Else - bis er auffliegt. Nach seiner Emigration nach Amerika wirkt er in verschiedenen Hollywood-Produktionen mit (häufig - ausgerechnet! - als Nazi). Pläne, seine Köpenickiade zu verfilmen, scheitern nicht zuletzt daran, dass die für die Geschichte wichtigen Sprachebenen Hochdeutsch / Wienerisch / Tirolerisch in einer englischsprachigen Produktion nicht angemessen unterzubringen sind.

Der Autor

Mit dem Dialekt hatte der österreichische Vollblut-Theatermensch Felix Mitterer wohl keine Probleme. Der „Tiroler Heimatdichter und Volksautor“ (Eigenbezeichnung) ist schließlich ein Meister des (sozial-)kritischen Volksstückes in prägnanter Mundart. (In Deutschland ist Mitterer nicht zuletzt als Autor mehrerer „Tatort“-Drehbücher mit dem österreichischen Ermittler Eisner aufgefallen, darunter so herausragende Folgen wie „Passion“ mit Sophie Rois).

Das Stück

In den 1990er Jahren hat Mitterer dann die Geschichte des jüdischen Schauspielers in seinem Drama In der Löwengrube verarbeitet. Reuß heißt hier Arthur Kirsch und nennt sich als Bergbauer Benedikt Höllrigl. Dieser feiert Triumphe als Wilhelm Tell, wird von Publikum und Presse zum „deutschen, arischen Helden“ hochgejubelt und dient Goebbels als Beweis für die Überlegenheit der deutschen Theaterkunst über die jüdische. Dabei entwickelt er - der sich früher, als Jude, alles gefallen ließ - Macht- und Manipulationsstrategien, mit deren Hilfe es ihm gelingt, nunmehr die Nazis aus dem Ensemble zu verdrängen, die ihn ehedem aus dem Theater verjagt hatten.

Die Inszenierung

Zum 70. Geburtstag von Felix Mitterer hat nun das Theater in der Josefstadt eine Inszenierung der Löwengrube herausgebracht. Wahrlich ein fulminantes Geburtstagsgeschenk! Regisseurin Stephanie Mohr geht äußerst behutsam, um nicht zu sagen: respektvoll mit Mitterers Text um. Von ein paar Kürzungen abgesehen, lässt sie das Stück so spielen, wie es Mitterer geschrieben hat. Auch das „Wir schaffen das“, mit dem der Theaterdirektor zum Schluss seine Hoffnung auf das Überleben seines Theaters ausdrückt, steht tatsächlich schon so im Text!

Auch das Bühnenbild von Miriam Busch bleibt zurückhaltend. Meist herrscht ohnehin Proben-, also Arbeitsatmosphäre, so dass es genügt, die Bühne des Theaters in der Josefstadt als „Bühne des Theaters in der Josefstadt“ zu zeigen. Nur die „Wilhelm-Tell“-Dekoration (kleine Berg- und Kuh-Skulpturen) veräppelt ein bisschen den heimattümelnden Geschmack mancher NS-Kultur-Granden.

Die Darsteller

Ein besonderes Verdienst der Regie: wie sie die Schauspieler führt, bzw. ihnen die Möglichkeit zum beeindruckenden Agieren einräumt. Beeindruckend allen voran: der Hauptdarsteller Florian Teichtmeister, dessen Rollen wie eine russische Puppe ineinandergeschachtelt sind: Teichtmeister spielt den Schauspieler Artur Kirsch, dieser den Bauern Benedikt Höllrigl, dieser den Tell …

Pauline Knof gibt Kirschs Frau Helene Schwaiger als eine Art weiblicher Hendrik Höffgen alias Gustaf Gründgens: sie hat mit den Nazis eigentlich nichts am Hut, schon aus Solidarität mit ihrem Mann nicht, erliegt aber doch dem Charme der Macht, namentlich in Person des „Herrn Doktor“ Goebbels (beängstigend echt: Claudius von Stolzmann - oder sollte da auch so ein kleines bisschen Sebastian Kurz Pate gestanden haben?) - denn schließlich ist sie in erster Linie Schauspielerin, die „fürs Theater brennt“ und dafür lebt, spielen zu können. Peter Scholz zeigt den Theaterdirektor als opportunistischen Mitläufer wider besseres Wollen und daher mit schlechtem Gewissen: Was draußen in der Welt vorgeht, interessiert ihn nicht; seine Sorge gilt seinem „armen, gequälten Theater“, der Frage: „was passiert mit dir“ (dem Theater), und er hegt die Hoffnung, „auch das“ (die Nazizeit) zu überstehen - auch er also ein kleiner Gründgens.

Auch die übrigen Darsteller glänzen – beispielsweise macht André Pohl eine kleine Szene zu einem Höhepunkt: wenn er darüber jammert, dass er, der Nazi der ersten Stunde mit einwandfreiem Ariernachweis, wegen seines „jüdischen Aussehens“ fristlos gekündigt wurde, wobei das Entsetzliche nicht die Kündigung ist, sondern seine „jüdische Fratze“. Hier wird die wahnsinnige Absurdität des Rassenwahns so richtig deutlich!

Die Absurdität des Rassenwahns

Warum hat das Theater von den zahlreichen sich anbietenden Stücken Mitterers ausgerechnet dieses jetzt für die Geburtstags-Inszenierung ausgewählt? Sollte da eine Botschaft an die neue österreichische Regierung enthalten sein?

Die Wunschrolle des Juden Kirsch war der Shylock in Shakespeares Kaufmann von Venedig. In dessen Monolog ließe sich das Wort „Jude“ leicht durch „Muslim“ (oder: „Fremder“, „Anderer“, …) ersetzen:

 „Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen, Hände, Neigungen, Leidenschaften? Genährt mit derselben Nahrung, verwundet mit denselben Waffen; gewärmt und gekühlt durch denselben Sommer und Winter wie ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?“