Writing to Vermeer im Theater Heidelberg

Klappern gehört zum Geschäft

Viele Intendanten haben nach der Uraufführung 1999 in Amsterdam abgewinkt, der Heidelberger Theaterchef Holger Schultze hingegen sagte „Ja“ zur Oper Writing to Vermeer von Louis Andriessen und brachte sie jetzt als deutsche Erstaufführung wieder ins Gespräch. Staub hat die Komposition in den letzten 20 Jahren nicht angesetzt, im Gegenteil, die Musik des 79-jährigen Holländers wirkt frisch und originell, denn Andriessen hat aus Elementen der Minimal Music, aufreizenden Formeln, Zitaten der Renaissance und Chorfetzen von Sweelinck sowie grellen, elektronischen Einspielungen (Michel van der Aa) ein schlüssiges Werk geschaffen, das musiktheatralisch gut umsetzbar scheint.

Peter Greenaway hat das Libretto der sechs Szenen geschrieben, in der ihm eigenen, punktuell bedeutungsschwangeren Art, welcher Regisseur Johannes von Matuschka die adäquate Umsetzung ein wenig schuldig bleibt. Zwar macht seine Szene durchaus was her, doch geht sie eher in die Breite als in die Tiefe. Sicherlich sind der agile Kinderchor, in Signalfarben heutig gewandet, und der Damenchor in Vermeer zeittypischer Mägdekleidung gut anzuschauen, zumal die Maiden auch noch mit Holzschuhen klappern, doch fragt man sich zuweilen: was soll's?

Dabei gäbe die Bühne viel her, denn aus der Abstraktion gespannter und wieder aufgerollter Seile vor dunklem Hintergrund, auf der allenfalls ein Auge oder das berühmte Bild des Mädchens mit den Perlenohrringen auftauchen und die Handlung hinterfragen, ließe sich mehr entwickeln als ein oft fröhlicher Reigen.

Worum es geht? Vermeer ist auf Reisen, drei Frauen schicken ihm Briefe hinterher. Die Schwiegermutter (Elisabeth Auerbach), die Ehefrau (Hye-Sung Na) und Hausmädchen Saskia (Irina Simmes) - alle drei ausgezeichnet singend - nerven ihn meist mit Alltäglichkeiten wie der Besorgung von Stoffen. Bürgerfrauen wollen gut gekleidet sein, damals wie heute. Vermeer selbst kommt nicht zu Wort; Andriessen, bei der Premiere anwesend und von der Umsetzung sehr angetan, schrieb eine Frauenoper und reitet damit - unbeabsichtigt - auf einer aktuellen Welle.

Bemerkenswert konzise führte der erste Kapellmeister Dietger Holm die Heidelberger Philharmoniker durch die komplexe und stellenweise vertrackte Partitur mit den passgenauen Zuspielungen. Griffig, plastisch, gut anhörbar. Das Premierenpublikum war sehr zufrieden mit Werk und Interpretation, und die Frage stellt sich, warum andere Häuser zwei Jahrzehnte lang Writing to Vermeer verschlafen haben.