Am Königsweg im Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Königlicher Trash

Muss man zu diesem Stück noch etwas sagen? Am Königsweg ist Elfriede Jelineks 100seitige Textfläche über den neuen König, der durch eine Welle von Unzufriedenheit an die Macht gespült wurde und nun die (einstige?) Weltmacht Nummer 1 regiert - vielleicht gegen seinen Willen, denn jetzt beklagt er sich (auch in Jelineks Stück), dass er zu viel zu arbeiten hätte. Sein Name wird in Jelineks Text nicht genannt, und so wollen auch wir es halten, denn natürlich weiß jeder, wer gemeint ist. Die Anspielungen in Falk Richters Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg sind überdeutlich.

Girards „Ödipus“-Interpretation

Jelinek macht sich nicht die Illusion, mit ihrem wütenden neuen Text zur Königsmörderin werden zu können. Sie tut dem Autokraten sogar zu viel der Ehre an, lädt sie doch ihr Stück mit Anspielungen an den Ödipus-Mythos auf - vor allem an dessen Interpretation von André Girard. Der zufolge will im Ödipus jeder die Rolle des souveränen Richters spielen, selbst der Chor (das Volk) und der blinde Seher Teiresias. Damit werden jedoch alle nur Opfer der eigenen Hybris, denn längst sind sämtliche Figuren angesteckt von der Krankheit der Moderne: einer Gewalttätigkeit aller gegen alle.

Nun ist der neue König viel zu wenig intelligent und viel zu wenig selbstkritisch, um solche Interpretationsversuche zu begreifen. Ihn als (immerhin irgendwie verantwortungsbewussten) Ödipus zu sehen, fällt dem gemeinen politisch interessierten Zeitungsleser schwer. Jelinek jedenfalls karikiert den neuen König, nicht begreifend, wie ein solcher Mann vom Volke gewählt werden konnte, und stellt konstatiert gleichzeitig die heillose Überforderung der Intellektuellen, die die von ihm ausgehenden Gefahren zwar erkennen, aber nicht in der Lage sind, sich gegen ihn zu wehren. Wie gewohnt schreckt sie vor keinem provokanten Gedanken zurück. Eine der Überlegungen, denen der Autor dieser Zeilen durchaus etwas abgewinnen kann, ist, dass man mit zart besaiteter politischer Korrektheit nicht weiterkommt, wenn rechte oder linke Populisten die politische Korrektheit längst zum Teufel geschickt haben. - Jelineks Stück zählt weder zu den besten ihrer Schreiber-Laufbahn noch zu ihren einfachsten. Der neue König würde es eh nicht kapieren. Trotz massiver Kürzungen dauert die Hamburger Inszenierung nämlich mehr als dreieinhalb Stunden, der König aber hat bekanntermaßen eine Aufmerksamkeitsspanne von maximal zwei Minuten. Der Konzentrationsschwäche des Königs kommt Falk Richters Inszenierung allerdings entgegen. Doch dazu später.

RTL-Show im US-Format

Zunächst einmal heißt es: Auftritt Ilse Ritter. Sie ist quasi die Elfi Elektra dieses Ödipus-Dramas. Elfi Elektra hieß das Alter Ego der Autorin in ihrem „Sportstück“. Hier tritt sie als blinder Seher auf: hellsichtig selten, zweifelnd immer - und ziemlich resigniert angesichts dessen, was grenzdebile Populisten-Könige anrichten können. Immer wenn Ritter an diesem allzu langen Abend auftaucht, atmen wir auf. Dann sehen wir großes, berührendes Theater; die zarte 73jährige zwingt mit ihrer leisen, aber eindringlichen Stimme das aufgekratzte Volk auf der Bühne und im Parkett zum Innehalten und zum Zuhören. Und wir schöpfen leise Hoffnung: Vielleicht wird ja doch noch etwas aus diesem nervenzerfetzenden, trashigen Abend. Denn der hat weder ein Ohr für den Rhythmus von Jelineks Sprache noch für die Fallhöhen von Jelineks Kalauern. Er gerät zu einer Art RTL-Show im US-Format. Mit Comic-Figuren, Kasperle und einer Miss Piggy mit Maschinengewehr. Vor allem aber mit ohrenbetäubender Lautstärke und sagenhafter Hektik. Da ist es schon okay, wenn man nur eine Aufmerksamkeitsspanne von zwei Minuten hat.

Beim Rezensenten dauerte die durchaus geneigte Aufmerksamkeit sogar ein paar Minuten länger. Er erfreute sich sehr an tollen Videos von verletzten Menschen, von den Leichen der Hinrichtungen und Kriege der letzten 100 bis 120 Jahre, an Filmzitaten oder Kriegs- und Krimi-Szenen, an Bomben und Militäraktionen, Pornos und Fake News, kurz: an allem, was den Herrn im Weißen Haus, das die Bühnenbildnerin Katrin Hoffmann in der Mitte ihrer monumentalen Installation andeutet, interessiert. Auf beiden Seiten der Bühne setzt sich der Zuschauerraum des Deutschen Schauspielhauses mit seinen Logen und Balkonen fort. In der Mitte ist das etwas prosaischer. Das Weiße Haus hat eine Saloon Door zwischen angedeuteten griechischen Säulen und im ersten Stock einen eher mediokren Balkon.

Gesprochen wird meist im Stakkato. Bilder und Sound wirken oftmals ebenso stakkatoartig. Das ist anstrengend. Natürlich soll das so sein, aber man kriegt vieles nicht mit - nicht nur weil alte Menschen wie der Rezensent sich nicht mehr an solch ein Tempo gewöhnen mögen oder weil sie ihren Ohren und ihrem Geist ab und an mal Ruhe gönnen müssen, sondern auch weil unter dem Tempo und der Lautstärke rein akustisch die Verständlichkeit leidet. Allerdings ist das nicht schlimm. Die Texte sind streckenweise furchtbar banal: Furchtbar wichtig und aufgeregt, aber irgendwie orientierungslos läuft Benny Claessens als König auf der Bühne herum und intoniert seine weltverändernden Botschaften: „Du bist gefeuert. Wer nicht mit mir ist, ist nicht o.k.. Also nur ich sage die Wahrheit.“ Ja, natürlich, das spielt an auf des Königs legendär schwachen Wortschatz, auf seine groteske Hire & Fire Politik. Ja, natürlich ist das ebenso unterkomplex wie das Denken des Herrschers. Aber gehen wir ins Theater, um die Unterkomplexität der Oberen zu beobachten?

Anspruch oder Kindertheater?

Claessens Darstellung des Königs wird von der Kritik hochgelobt. Einspruch: Claessens Rollen-Interpretation ist erbärmlich. Er reproduziert die Schwächen des Königs (wenn auch ins Maßlose übersteigert) anstatt sie auf intelligente Weise zu karikieren oder zu ironisieren. Der König ist bekloppt, das wissen wir alle. Aber Claessens distanziert sich nicht, sondern er gibt ihn so, als sei der Machthaber noch eine weitere Stufe tiefer gesunken. Er spielt ihn, wie ein fünfjähriges Kind es tun würde. Das hat keinen Biss, sondern das ist kläglich - im Publikum sitzen schließlich kaum potentielle Wähler dieses Königs, sondern Menschen mit einem halbwegs akzeptablen Intelligenz-Quotienten. Wir mögen inzwischen Elfriede Jelineks Masche, ihre Kritik mit Hilfe von Kalauern zu äußern, denn die Kalauer haben Fallhöhe. Aber Claessens macht sie platt. Sorry, liebe Kollegen: Von mir kriegt Benny Claessens für diese peinliche Performance die Goldene Himbeere. 

Immerhin kann er schön singen. Die Bee Gees zum Beispiel: „I started a joke which started the whole world crying / But I didn't see that the joke was on me / I started to cry which started the whole world laughing / Oh if I'd only seen that the joke was on me…“ - Das passt zum realen König, und das passt zu Benny Claessens‘ Outfit, einem bombastischen rosafarbenen Kostüm nebst lilafarbenem Umhang mit Schleppe. Während ein paar Popen mit einem Kreuz auf dem Rücken auf der Bühne herumkurven, schmettert Benny aus der Loge ein „God is good, God is great“ - yeah man, that is great, aber leider zu selten. Grotesk, aber opulent stellen die Requisiten der Inszenierung das Protzgehabe und den schlechten Geschmack des Königs aus: Ein riesiges Trojanisches Pferd wird auf die Bühne geschoben, Säulen fahren vom Schnürboden herunter, ein überlebensgroßer Löwe mit Krone steht ungerührt neben dem sich auf dem Boden wälzenden Machthaber. Ein Löwe, der König der Tiere - hier in Hamburg passt das in zweifacher Hinsicht, denn der Herrscher würde sicher eher den König der Löwen besuchen als das anspruchsvolle Deutsche Schauspielhaus.

Das Kasperle-Theater bleibt nicht ohne Auswirkungen im Publikum: Ein Zuschauer spielt sich (ungeplant) als Clown auf; hinter mir quatschen und gibbeln lautstark sechs präpotente Jugendliche ohne Rücksicht auf ihre Nachbarn. Ja, denkt man, so verhält sich ja auch der König: His country first, ohne Rücksicht auf die Nachbarn. Der Clown aus dem Publikum ist einer wie Statler und Waldorf, die ebenfalls ihren Auftritt in Falk Richters Muppet Show bekommen: „Ich heiße Sven und mein Hund heißt Jens. Wir kommen von der Deutschen Bank“, stellen sie sich vor. Albern! Andere Kalauer sind witzig, weil sie den Twitter-König mit einem netten Wortspiel karikieren: „Es genügt sein Gezwitscher, denn Vögeln tut er woanders.“ Ach, das ist ja so wahr … Die Mauer zum Nachbarland? Die „wird aus Heidelberger Zement gebaut, weil (der König) so auf Bildung steht.“ Wir erinnern uns, wie schnell die HeidelbergCement AG nach der Wahl des Königs ein Angebot zum Bau der Mauer abgab - das war noch peinlicher als Benny Claessens Kindertheater.

So kriegen denn auch die Deutschen ihr Fett ab: Ein Wohnwagen wird hereingeschoben, aus dem der nun heftig berlinernde König aussteigt. Berliner Flughafen, ICE-Ineffizienzen, Führerkult, Damaskus, Flüchtlingsprobleme und Fremdenfeindlichkeit, Seehofer und Jens Spahn und der inzwischen schon so abgelutschte wie falsche Breivik-Vergleich werden im Schnelldurchgang durchgenudelt: Wegen des Anschlags von Anders Breivik hat keiner Angst vor Christen, wegen des Anschlags auf dem Breitscheidplatz haben alle Angst vor Moslems. Leute, nachdenken - auch Theaterleute bitte! Populismus geht auch von links oder aus der multikulturellen Ecke, und er ist dann nicht besser.

Es dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben, dass Falk Richter mit der türkisch-deutschen Comedienne Idil Baydar alias Jilet Ayse im Goldglitzer-Kostüm prunkt. Ayse ist eine Art türkischstämmige Cindy aus Marzahn. In ihrem ersten Auftritt weckt sie sogar Hoffnungen auf ernsthaftes Kabarett, doch schnell ist die Hoffnung zerstoben. Baydars Kunstfigur ist ausreichend durch ihre Selbstbeschreibung charakterisiert: „Isch mach Abitur wie Googeln.“ Da spricht sie wohl ein wahres Wort gelassen aus. Aber letztlich sind alle, die Baydar-Fans, die Königstreuen, die Rechtspopulisten auf dem einen oder anderen Auge blind. Die peinlich berührten Intellektuellen, die nichts gegen die populistischen Machthaber in Königsland oder manchem europäischem Anrainer-Staat unternehmen, sind jedoch blind auf beiden Augen - lauter blinde Seher, wie Falk Richter und Elfriede Jelinek in einem diesmal wirklich schlagenden Bild meinen. Mit verbundenen, blutunterlaufenen Augen lungern sie auf der Bühne herum. „Was, der König blind?“ - Was, die Untertanen, der Seher, das Volk, der Chor auch blind? Sogar dem Tiger, der die Macht des Machos symbolisieren mag, fließen blutige Tränen aus verbundenen Augen. 

Herr Rezensent, wo bleibt das Positive?

Herr Rezensent, wo bleibt das Positive? Julia Wieninger gelingt es am besten, Jelineks Sprache und ihren Kalauern in all dem Tohuwabohu zu Klang zu verhelfen. Und dann ist da immer wieder diese wunderbare, einzigartige Ilse Ritter, einmal gar im Jungmädchenzimmer am Piano. Immer wieder singt die große alte Dame des Hamburger Schauspiels den Abgesang der Elfriede Jelinek auf sich selbst: „Jetzt werde ich abgeschrieben, das ist eine Kränkung.“ Natürlich fällt uns ein, dass ja auch das Wort „abgeschrieben“ eine doppelte Bedeutung hat. Doch: „Die Männer haben mir geraten, mich umzubringen. Aber ich habe es nicht gemacht.“ Oder später: „Unsere Zeit ist um. … Ich zähle mich da mit.“ Ja, es sieht aus, als sei die Zeit des seriösen Theaters um - und die Zeit des seriös provokativen, für das Ilse Ritter in ihrer Jugend bei Peter Zadek stand, auch. Natürlich ist die Aussage drei- oder gar vierdeutig: Die Zeit der westlichen Weltmacht Nummer 1 ist abgelaufen, die Zeit einer halbwegs sozialen, moralisch grundierten Politik ist um, Jelinek sieht offenbar ihre eigene Zeit vergehen, und die Zeit der Ilse Ritter ist auch vorbei. Vielleicht ist es Ritter, um die es am meisten schade ist. Wenn es denn einen Theatergott gibt, dann beten wir zu ihm: Ach bitte, lang lebe unsere Ilse!

Kaum haben wir zur Nacht gebetet, ist Pause. Und tatsächlich wird’s danach besser. In den aufgedrehten Trash mischen sich Szenen von Ratlosigkeit. Matti Krause stülpt sich eine Ku-Klux-Klan-Mütze über Kopf und Gesicht und hält eine agitierende Rede zu der schockierenden Erkenntnis mancher Polit-Analysten: „Der junge weiße Mann hat die Bühne betreten. Er ist die vergessene Arbeiterklasse. Jetzt wird er das Land regieren. Wenn man die Menschen schon abhängt, muss man ihnen wenigstens eine Stimme geben. Die Stimme haben wir …“ - Da ist er, dieser grauenerregende Gedanke, dass zum ersten Mal ein weißer Mann zum König der Weltmacht Nummer Eins aufgestiegen ist - der Phänotypus des arroganten Ego-Shooters, durch keinerlei Einflüsse anderer Kulturen abgemildert. In Hamburg ist nun die Zeit der Monologe, und mit Ausnahme von Claessens‘ enervierendem Gehampel hören wir konzentriert vorgetragene, deprimierende Texte voller Zukunftspessimismus. Wenn Julia Wieninger Mazzy Stars „Fade Into You“ singt, diese wunderschöne, melancholische Ballade voller Hoffnung und Zweifel, ist man fast geneigt, den Ärger über die verflossenen Stunden zu vergessen. Und irgendwie leisten wir auch Idil Baydar Abbitte: Ihre Kabarett-Texte sind gar nicht schlecht, nur die Präsentation in der Cindy-aus-Marzahn-Weise nervt.

Aber es sind ja die Cindy-aus-Oklahoma-Wähler, die dem König ihre Stimme gegeben haben, es sind die sich abgehängt fühlenden Kleinbürger, die den Rechtspopulismus in Deutschland unterstützen. In Deutschland sind viele Menschen darunter, die glauben, nichts mehr zu verlieren zu haben. Und in Jelineks Heimat, in Österreich? Wer ist da noch der Größte gleich? - Ujujuj, gerade nochmal gut gegangen. Aber sie sitzen schon in der Regierung.