Antikrist im Staatstheater Mainz

Wo Gott und Luzifer ein Paar sind

Rued Langgaard (1893-1952) stand zu Lebzeiten als Komponist im Schatten seines überaus populären dänischen Landsmanns Carl Nielsen. Erst mit 47 Jahren erlangte Langgaard eine halbwegs adäquate Anstellung als Domorganist im südjütländischen Ribe.

Seinem Antikrist schlug viele Jahre hindurch reine Ablehnung entgegen. Die Königliche Oper in Kopenhagen weigerte sich sowohl 1923 als auch 1930 das Werk zur Uraufführung anzunehmen, selbst also nachdem Langgaard Text und Musik beinahe vollständig neu geschrieben hatte. Allzu düster dünkte die Leitung des Hauses das Sujet. Nach einer dänischen Rundfunkeinspielung im Jahr 1980 wurde die Oper 1999 am Tiroler Landestheater Innsbruck szenisch uraufgeführt. In Mainz erlebt das Werk nun seine deutsche Erstaufführung.

Die Dichtung des mit einem Prolog versehenen zweiaktigen Werks von anderthalb Stunden Dauer schuf der von der Johannesapokalypse inspirierte Langgaard selbst. Ihre Verwandtschaft zum Mysterienspiel ist offensichtlich. Gott und Teufel schließen einen Pakt, der beiden frommt, da er den Glauben der Menschheit an Himmelsherrn und Höllenfürst erneuert. Im Verein rufen Gott und Luzifer den Antichrist herauf, der in Gestalt unterschiedlichster Allegorien sein Unwesen treibt, als in der „Rätselstimmung“ verkörpertes Schwanken zwischen Endzeitängsten und Zukunftshoffnung, als „Hoffart“, „Missmut“, „Begierde“ nach der „Großen Hure“, „Lüge“ und „Hass“ im Kampf aller gegen alle. Final vergottet Luzifer sich selbst.  

Langgaards Musik bekennt Wagner, besonders aber Richard Strauss, er ist gleichwohl ein Epigone ganz eigener Art. Denn er bedient sich der Faktur seiner verehrten Vorbilder nicht unreflektiert, vielmehr liefert er einen Klage- und Abgesang auf deren Schaffen. Während Richard Strauss unbeirrt von den Zeitläuften munter in gewohnten Bahnen weiterkomponierte, wusste Langgaard um die Uneigentlichkeit seiner Klänge. Eben daraus speist sich der bleibende Wert seiner Oper. Dass zuweilen auch Schreker und rhythmisch geschärft selbst Strawinsky aufscheinen, setzt gewiss Akzente, betrifft aber weniger die Substanz des Werks.

Regisseur Anselm Dalferth nimmt Langgaards Oper bei Wort und Ton. Er bietet ein Mysterienspiel, in dem Gott und Teufel in inniger Paarbeziehung existieren. Ohne Zweifel gibt das Langgaards Intention wieder, stellt aber zugleich die Frage, ob denn diese Oper tatsächlich so fromm ist, wie vom ersten Anschein nahegelegt. Dalferth versucht in keiner Weise zu psychologisieren, er behandelt Figuren und Handlung durchgehend als zu Materie gewordene Abstrakta. Eben daraus gewinnen die Personifikationen und Allegorien ihre Präsenz und Gefährlichkeit. Wenn am Ende der Antichrist am Kreuz hängt, mutiert er für die auf der Bühne versammelte Menschheit zum Salvator, zum Heiland und Erlöser der Welt.

Dem Opern-Mysterienspiel angemessen baut Ralph Zeger eine Bühne aus fahrbaren Gerüsttürmen, von denen aus Gott und Luzifer beobachten, wie der Antichrist der Menschheit niedrigste Triebe anstachelt und für seine üblen Zwecke manipuliert. Luzifer wird so ermöglicht, sich final am barock-goldstrahlenden Marterholz von der Menschheit anbeten zu lassen. Passend dazu hinterfängt die Szene ein ruckartig eingeblendeter Wolkenprospekt aus dem Bilderbuch.

Während Mareile Krettek die Figuren sonst in mehr oder minder farbenfrohe bürgerliche Gegenwart hüllt, ersinnt sie für die „Große Hure“ und ihr Faktotum „Das Tier in Scharlach“ Meat-Suits, deren Fleisch wie das geschlachteten Viehs im Kühlhaus des Metzgers klafft.

Der von Sebastian Hernandez-Laverny vorbereitete Chor des Mainzer Staatstheaters entledigt sich im monumentalen Erlösungsfinale versiert seiner reizvollen Aufgabe.

Hermann Bäumer und das Philharmonische Staatsorchester Mainz sind hochkompetente Anwälte der Partitur. Der Orchesterklang wächst primär aus den tiefen Streichern. Luzide musizieren Bäumer und sein Klangkörper die lyrischen und kammermusikalischen Passagen der Oper aus; noch wenn die dramatischen Wogen überzuborden drohen, bleibt das Orchester durchhörbar. Stupend kostet die Pauke das gesamte Spektrum vom Pianissimowirbel bis zum gewaltigen Schlag aus.

Ivica Novakovic in der Sprechrolle des himmlischen Vaters und Peter Felix Bauer als baritonaler „Luzifer“ agieren in unteilbar zweifaltiger Einheit. Lars-Oliver Rühl verkörpert das heldentenorale „Tier in Scharlach“, während Stimmfachkollege Alexander Spemann als „Die Lüge“ gleißnerisch auf der Grenze zwischen Charakter- und Heldenfach spaziert. Vokal satt und samtig gibt Geneviève King den „Missmut“ carmenhaft angeödet. Überragend in Stimme und Darstellung leuchtet und strahlt „Die große Hure“ von Vida Mikneviciute hochdramatisch in jeden Winkel des Auditoriums. Der Sängerdarstellerin ist Aufmerksamkeit aus Bayreuth zu wünschen. Alle weiteren Rollen sind angemessen besetzt. 

Anhaltend starker Applaus. Bravi für Hermann Bäumer und das Mainzer Staatsorchester sowie Vida Mikneviciute.