Rigoletto im Theater Heidelberg

Packendes Drama in einer perversen Welt

So böse, so packend, so gegen den Strich gebürstet bekommt der auf schöne Stimmen à la „La donna è mobile“ trainierte Konsument diesen Dauerbrenner des Opernrepertoires selten serviert: Rigoletto von Giuseppe Verdi wird in der Version des aus Ungarn stammenden Inszenierungsteams Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka zu einem abgründig-bösen Spiel um Macht und Perversionen, Verstörung und Schuld. Da gönnt sich das Theater Heidelberg einen Saisonauftakt, der nachhaltig die Seele krümmt und vom soeben zum Eigenbetrieb mutierten Haus aufregende künstlerische Expeditionen erhoffen lässt.

Es ist ein Schlachtfeld, in dem sich die Protagonisten bewegen. Kalt, unbarmherzig. Sezierraum oder Vorratsraum fürs Krematorium, kahl die Wände, hart die Herzen bis hin zu Folterszenen. Rigoletto, halb Schlachter, halb Caterer und unwillig Diener seines Herrn, laviert selbstquälerisch inmitten der Speichellecker um den Machthaber. Der unfreiwillige Täter wird Opfer, und seine Tochter Gilda entgleitet ihm; zwangsläufig, denn das pubertierende Mädchen ritzt sich, wird Opfer ihrer Gefühle für den oder das Böse, ritzt sich weiter und wird sich am Ende selbst meucheln. Auf Bühnenblut wird verzichtet, was den Schrecken noch erhöht.

Musikalisch feuern Generalmusikdirektor Elias Grandy und das Theaterorchester Heidelberg hochgezogene Emotionen ab. Es wird - bei Bedarf - geballert, was das Zeug hält, wobei Grandy sowohl dynamisch, als auch in der Wahl der Tempi ins Extreme geht. Das passt perfekt zur Inszenierung, wenn auch nicht immer passgenau zur Sängerführung. Von den Stimmen führt James Homann in der Titelpartie die Phalanx an; sein Charakterbariton hat Kraft, Tiefe und viele gestaltende Möglichkeiten, auch wenn er im Piano zuweilen leicht belegt wirkt. Aber insgesamt eine großartige Figur. Neu im Ensemble die Sopranistin Carly Owen. Als Gilda verlässt sie sich auf souverän geknallte Spitzentöne, denen allerdings einige Farben zu fehlen scheinen. Aber das ist, wie so oft bei der Sängerbewertung, Geschmackssache. Das Publikum hat sie gefeiert, auch wegen ihrer tollen Bühnenpräsenz. Auch Tenor Nenad Cica ist neu verpflichtet, seine lyrisch grundierte Partiegestaltung des Herzog von Mantua, der perverse Bösewicht im Stück, gerät stellenweise noch etwas blass, als ob er sich erst ans Haus gewöhnen müsste. Ansonsten dürfen ein bemerkenswert gutes Solisten-Ensemble und ein von Ines Kaun ausgezeichnet vorbereiteter, wuchtiger Männerchor bewundert werden.

„Heidelberg hat wieder ein Stadtgespräch“, resümierte Kulturbürgermeister Gerner hinterher voller Stolz. Bezahlbarer Wohnraum allerdings ist ein weiteres, noch drängenderes. - Herzlicher Premierenbeifall, mit Buh-Rufen durchsetzt. In der nächsten Saison stellt sich das Inszenierungsteam in Saarbrücken mit Wagners Ring vor. Aufreger vorprogrammiert.