Übrigens …

Il Trovatore im Opéra Royal de Wallonie

Vokal hochkarätig

An der Königlich Wallonischen Oper wird nicht einfach das italienische Repertoire bedient. Vielmehr verbreitet ihr Intendant Stefano Mazzonis di Pralafera den Geist echter Italianatà als künstlerische Grundstimmung im ganzen Haus. Davon profitiert auch die jüngste Produktion von Il Trovatore.

Regisseur Stefano Vizioli entspricht der konsequent gegen das analytische Drama gerichteten Struktur des Werkes, die sich bereits beim Autor der Stückvorlage Garcia Guitérrez findet, wenn er die Oper als Abfolge von einzelnen beinahe autonomen Bildern begreift, innerhalb derer er Konstellationen und Affekte sinnfällig visualisiert. In den Massenszenen herrschen starke choreographische Elemente vor. Sie reichen vom Auftritt schwertschwingender Recken mit bloßem Oberkörper bis zu einem ritualisierten Zweikampf, in dem Morgensterne atemberaubend über den Köpfen der Kontrahenten kreisen. Freilich ist der Anteil konventioneller Operngestik bei den Solisten erheblich.

Alessandro Ciammarughi wuchtet eine funktionale Konstruktion aus zwei doppelwandigen Dreiecken auf die Bühne, in denen sich jeweils eine Treppe befindet, die sich sowohl zur optisch gefälligen Höhenstaffelung der Chormassen wie auch als Stiege in den finalen Kerker hinab nutzen lässt. Schlanke Strebepfeiler an den Außenwänden der Konstruktion deuten auf das späte Mittelalter, in dem die Oper spielt. Effekt macht Ciammarughi, wenn er seine doch eher auf szenische Praktikabilität hin angelegten Bühnenbauten zu zwei Belagerungstürmen mit widderkopfbewehrten Rammböcken umwandelt.

Auch die Kostüme verantwortet Ciammarughi. Die drei Ebenen eines martialischen Spätmittelalters der Kriegsparteien, die bunte Welt des Fahrenden Volks und die höfische Eleganz raffiniert geschnittener Roben für die adligen Damen heben sich trefflich voneinander ab.

Entscheidend dazu bei trägt das Lichtdesign von Franco Marri, der Bühne und Figuren in eine insgesamt düstere, dabei reich nuancierte grau-braune Atmosphäre taucht, aus der einzelne Farben desto markanter hervorleuchten. Viel gehört dazu, gleichzeitig für Leonoras Kleid in seinem intensiven Türkis wie auch für ihren roten Mantel Akzente zu setzen.

Der von Pierre Lodice einstudierte Chor der Opéra Royal bewährt sich präzise und durchschlagskräftig.

Unter Daniel Oren tönt das Orchester der Königlich Wallonischen Oper - ungeachtet des schönen Solohorns - rhythmisch wie in der Dynamik eher al fresco.

Vokal ist Fabio Sartori eine Idealbesetzung für Manrico. Sein Tenor verfügt über Virilität, Attacke und viel Metall, die Sartori zu einem hohen C aus Edelstahl befähigen. Auch gelingen überraschend innige Piani. Wenn Sartori die Partie demnächst an der Berliner Lindenoper singt, wird man ihn dort vielleicht überzeugen, den einen oder anderen Schluchzer fortzulassen. Mario Cassi fokussiert sich stärker auf die Produktion effektvoller Schwelltöne als auf sinngebende und eindringliche Phrasierung. Yolanda Auyanet führt ihren leicht ansprechenden Sopran so schlank wie möglich und so vollstimmig wie nötig. Koloraturgeläufigkeit, dramatische Ausbrüche und Spitzentöne sind raumgreifend. Die Piani schweben durchs Auditorium. Violeta Urmana als Azucena zeigt sich vokal enorm präsent. Dabei steuert sie noch durch die heftigsten Wallungen ihrer Partie ganz auf volumensatt-eleganter Linie. Luciano Montanaro ist ein verlässlicher Ferrando. Aufhorchen lässt die Inès von Julie Bailly.

Großer Jubel im ausverkauften Haus.

 

Die Aufführung wurde von Franceinfo, einem staatlichen Informations- und Kulturkanal, als Livestream übertragen und ist noch abrufbar unter: https://culturebox.francetvinfo.fr/opera-classique/opera/il-trovatore-de-verdi