Die Perser im Schauspiel Frankfurt

Dezibelstarker Manierismus

Von Ulrich Rasches mit den Salzburger Festspielen koproduzierten Frankfurter Persern hat so mancher Premierenbesucher vielleicht nicht die Nase voll, doch nach beinahe vierstündiger Dauerbeschallung gewiss die Ohren.

Rasche choreographiert eher als Regie zu führen. Kollektive oder - selten - Einzelfiguren bewegen sich als Armee des Xerxes und Boten im Ausfallschritt dem Uhrzeigersinn folgend oder im Gegeneinander zweier Gruppen. Atossa und der Chor des persischen Ältestenrates hingegen schreiten mit angewinkelten Knien einher, so als hätten sie sich just aus dem Knielaufschema auf Reliefs der griechisch-archaischen Kunst erhoben. Wenn der Geist des Dareios mit nacktem Oberkörper im tiefen Bühnengrund doch auf hoher Warte erscheint, dann erinnert das an den gekreuzigten Dionysos und so die kultischen Ursprünge der attischen Tragödie.

Chor und Solisten sprechen in Zeitlupe. Zudem wird der Text in Einzelwörter zerlegt. Lärm herrscht vor. Forte ist rar, Fortissimo die Regel, Fortefortissimo keine Ausnahme. Da sich das Ensemble gegen elektronisch verstärkte Instrumente, vor allem die krachende Perkussion, behaupten muss, sind die Schauspieler auf Mikroports angewiesen. Ein hoher Preis für die Komposition Ari Benjamin Meyers', die beständig dröhnend über bloße Illustration nicht hinaus gelangt. Zu allem Überfluss verharrt die aufs Hallige zielende Mikrophonie von Bernhard Klein dennoch im Zweidimensionalen. Zu keiner Zeit interagieren die Stimmen mit dem enormen Bühnenraum oder dem Auditorium des Frankfurter Schauspiels. Ein akustischer Offenbarungseid.

Nicht allein die Regie verantwortet Rasche, sondern auch das monumentale Bühnenbild. Es besteht aus zwei sich beinahe permanent drehenden Scheiben. Die kleinere im Vordergrund dient Atossa und dem Chor des persischen Ältestenrates als Spielfläche. Die weitaus größere hintere den Kriegern und Boten. In der Höhe verstellbar kann sie sich der ersten Beleuchtergalerie im Bühnenturm bedenklich nähern, so dass schon die Kondition derer, die sich auf der Steilfläche bewegen, Hochachtung abnötigt. Zudem entfaltet diese hintere Drehscheibe ihre eigene Ästhetik, wenn sie sich bald opak und dann wieder als filigran durchscheinendes Gitterwerk zeigt.

Atossa und den Chor des persischen Ältestenrates kleidet Sara Schwartz in strenge figurbetonende Trauer. Boten und Krieger tragen lediglich kurze Röcke und sich über der Brust kreuzende Gurte.

Patrycia Ziolkowska ragt als Riesengestalt der persischen Großkönigsmutter Atossa hervor. Freilich exekutiert Ziolkowska die Rolle mehr, als ihr menschliche Züge zu verleihen. Ähnliches gilt für Katja Bürkle und Valery Tscheplanowa als Chor des persischen Ältestenrates. Tscheplanowa gibt ferner den Geist des Dareios.

Dass vom Gehaltlichen dieser Produktion hier nicht die Rede ist, schreibt sich ihrem von der Mikrophonie über den Deklamationsstil bis hin zur durch Choreographie ersetzten Regie allgegenwärtigen Manierismus zu. Ihm genügt die Form.

Nach der Pause zeigt sich das Auditorium gelichtet. Von denen, die durchhalten, trotzen einige dem Lärm durch Theaterschlaf. Der Beifall der vorderen und mittleren Reihen ist freundlich, weiter hinten enthusiasmiert.