Oedipus Rex/Iolanta im Frankfurt, Oper

Reichstag und Puppenheim

Mit dem Doppelabend präsentiert die Oper Frankfurt erneut zwei Werke in kontrastiver Spannung. Denn gegensätzlicher als Strawinskis neoklassizistisches Opern-Oratorium und Tschaikowskis Fin de siècle pièce können Werke für das Musiktheater kaum sein. Lediglich die russische Autorschaft verbindet sie, sowie das Thema der Blindheit, das sich an diesem Abend überkreuzt. Denn während der Weg des Oedipus vom Sehen zum Verlust des Augenlichts führt, wird Iolanta sehend.

Oedipus Rex mutiert bei Lydia Steier zur Parlamentsdebatte. So nachvollziehbar dieser Ansatz der widerstreitenden Chöre halber ist, Steiers Deutung bleibt doch ganz an der Oberfläche. Gefährlich vermasst oder aufregend individualisiert gibt sich das Kollektiv in nur wenigen Augenblicken. Weshalb Barbara Ehnes die Stirnfront, Präsidium und Rednertribüne des 1933 zu Schutt und Asche gegangenen Plenarsaals im Wallotschen Reichstag auf die Bühne wuchtet, hängt wohl mit der Uraufführung der Erstfassung des Werks im Jahr 1927 zusammen. Oedipus Rex als Auseinandersetzung mit dem aufkommenden Nationalsozialismus zu begreifen, wird aber deshalb nicht plausibler. Im übrigen auch dann nicht, wenn einige der von Alfred Mayerhofer kostümierten Parlamentarier einen Stahlhelm auf dem Kopf tragen, um ihre Fraktionszugehörigkeit unzweideutig zu dokumentieren.

Auf musikalischer Seite herrscht Beliebigkeit. Das Zupackende und Geschärfte, die rhythmische Prägnanz des Strawinskischen Idioms geht ihr ab. Gleichermaßen gilt das für den von Tilman Michael vorbereiteten Chor der Oper Frankfurt wie für das an diesem Abend indifferente meist im Einheitsmezzoforte tönende Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Sebastian Weigle.

Peter Marsh in der Titelpartie, dem deren hohe Tessitura entgegenkommen müsste, beweist wenig Durchschlagskraft und lässt Wünsche an die Phrasierungskunst offen. Die Jokaste von Tanja Ariane Baumgartner bringt versiert ihren satten Mezzosopran zur Geltung.

Iolanta , 1892 in Sankt Petersburg uraufgeführt, ist Tschaikowskis melosgetränkte letzte Oper. Um sie vor Traurigkeit zu bewahren, soll die gleichnamige Prinzessin auf Geheiß ihres königlichen Vaters unter allen Umständen daran gehindert werden, sich ihrer Blindheit bewusst zu werden. Durch die philosophisch grundierte Therapie eines morgenländischen Arztes, doch zuallererst durch die Liebe zu einem Grafen, der sich in ihr Gemach verirrt hat, erlangt Iolanta das Augenlicht.

Das Märchenhafte der Handlung setzt Steier ironisch, sarkastisch und am Ende, wenn die Titelfigur gegen die ihr nun sichtbare Welt anrennt, grimmig um. Mögen sie Geliebter oder überfürsorglicher Vater heißen, weder das Unsichtbare, noch das den Blicken Aufgeschlossene halten, was sie versprechen. Angesichts dessen wirkt überflüssig, dem königlichen Vater zusätzlich inzestuöse Begierden unterzuschieben, die ihn zur Tochter ins Bett steigen heißen.

Bühnenbildnerin Barbara Ehnes kreiert eine Monsterbonboniere von Mädchenzimmer, an deren Wänden in unzähligen Regalstockwerken eine Schulter an Schulter gereihte Legion aus geklonten Spielzeugpuppen aufmarschiert ist. Von der Bel Ètage führt eine doppelläufige Treppe, die wie aus der Operette hergeliehen anmutet, ins Erdgeschoss, wo die graue Masse der Untertanen front. Die frappante Bildlösung erhält Sonderapplaus, sobald der Vorhang sich öffnet.

Abermals finden Chor und Orchester stilistisch nicht ins Gleis. Abermals tönt Unverbindlichkeit von der Bühne und im pastosen Mezzoforte aus dem nach wie vor von Sebastian Weigle beherrschten Graben.

Asmik Grigorian ist Iolanta. Grigorian beglaubigt in Stimme wie Darstellung die Schritte von kindlichem Vertrauen, zum Lyrismus aufkeimender Liebe bis zum finalen Zornesausbruch. Vokal gebietet sie über einen kräftigen Kern, von dem aus satte Strahlen bis in die Winkel des Auditoriums dringen. Robert Pomakov gibt Iolantas königlichen Vater René mit gleichermaßen elegant geführtem und zur dramatischen Attacke fähigem höhensicheren Bass. AJ Glueckert stemmt die Forti des liebenden Grafen Vaudémont aus der ohnehin disparaten Gesangslinie.