König Lear im Deutsches Schauspielhaus Hamburg

King Lear ohne Krone

Die Bühne: ein riesiger, schmutzig-weißer Kasten ohne Fenster und Türen, so dass es keinen Zu- oder Abgang geben wird in diesem hermetisch abgeschlossenen Raum, dessen Boden zum Publikum hin schräg abfällt. Links hinten unter einer Lampe ein seltsam deformiertes Klavier, auf dem die Klangkünstlerin Yuko Suzuki das Geschehen mit Piano- und Schlaggeräuschen begleiten wird.

Aus der ersten Reihe im Parkett erhebt sich zögernd eine Gestalt im schlechtsitzenden, mausgrauen Anzug, betritt leicht gebeugt die Bühne, schiebt sich ganz bedächtig an der tristen Bühnenwand entlang, mit dem Zeigefinger eine imaginäre Linie ziehend. Ein eindringliches Bild: ein alter König ohne Insignien, ohne Purpur und Krone, ein Alltags-König umschreitet sein Reich, bemisst dessen Umfang - vielleicht ein letztes Mal.

Dann setzt er sich auf einen schwarzen Holzstuhl, der so gar nichts von einem Königsthron hat, mitten auf die Bühne, schaut mit funkelnden Augen um sich, während ihm seine jüngste Tochter Cordelia (Lina Beckmann) liebevoll die Haare bürstet. Kleinbürger-Idylle im Königshaus. Dann belebt sich der alte Herr, fordert die Karte seines Reiches, die ihm seine herbeieilenden Töchter höchst beflissen als Teppich unterbreiten. Vor seinem riesigen Schattenbild auf der Bühnen-Rückwand eröffnet er seinen Willen zur Abdankung, zur Aufteilung seines Reiches an die drei Töchter. Doch was ein Staatsakt sein sollte, wird als Liebesprobe inszeniert. Wunderbar alltäglich, diese ältliche, eitle Vaterfigur, die (der auch im wirklichen Leben siebzigjährige) Edgar Selge mit hinreißend verschmitzter Einfalt zelebriert. „Wer von euch liebt uns am meisten“, fragt er, seine königliche Würde zumindest durch den Pluralis Majestatis betonend. Schnell sind sie bei der Hand mit heuchlerischen Versicherungen, die beiden ältesten Töchter, Goneril, gespielt von Carlo Ljubek und Regan, gespielt von Samuel Weiss. Ihr Outfit ist ladylike, ihre Stimmen jedoch verraten die cross-gender Besetzung. Dann folgt Cordelia, bescheiden im Alltagsdress. Was hat sie zu bieten? „Nichts!“ Nichts als die ganz alltägliche Kindesliebe. „So jung und schon so lieblos“, überreagiert Lear und sagt sich los „von jeder Vaterpflicht“, verjagt sie des Landes und übergibt den Schmeichlerinnen alle Macht. Lear, der entmachtete, hockt jetzt zusammengekauert vor der Bühnenwand und beobachtet von dort den Fortgang seines Experimentes. Da tauchen zunächst die Gloucesters auf: zuerst der alte, königstreue Graf, in dunklem Anzug mit kurzen Hosen und Socken, herrlich überfällig gespielt von Ernst Stötzner, dann der Bastard-Sohn des Grafen, Edmund in Schuluniform (wurschtig gegeben von Sandra Gerling, die mit dieser Jungen-Rolle ihren Einstand gibt am Schauspielhaus). Kaum auf der Bühne, beginnt er/sie mit einem intriganten Ränkespiel gegen den arglosen Halbbruder Edgar (Jan-Peter Kampwirth), der wenig später im knallroten Samtanzug ahnungslos vor sich hin trällernd auf die Bühne getänzelt kommt. Dann sind da noch der getreue, erzkonservative Kent (Matti Krause) und Gonerils Günstling Oswald (Maximilian Scheidt), alle anderen Rollen und so manche Textpassage wurden gestrichen. Stattdessen gibt’s aktuelle Einschübe: „Wir werden sie jagen!“ brüllt da einer ein AfD-Zitat und in einem Epilog wird der überlebende Edgar an die Fluchtbewegung unserer Tage erinnern.

Jetzt sind sie erst einmal alle beisammen, und wer gerade nicht gebraucht wird, hockt sich an den Bühnenrand oder setzt sich zurück ins Parkett. Da wird sich auch umgezogen und aufs Stichwort gewartet.

Dann taucht der Narr auf mit Pudelmütze und Kinder-Ziehharmonika (in einer Doppelrolle hinreißend und anrührend Lina Beckmann). Sie wird den geschundenen Lear durch seinen Niedergang begleiten, ihn trösten, ablenken, aber auch seiner eigenen Torheit bezichtigen. Sie ist dabei, wenn die Töchter ihn Stück für Stück seiner Macht, seiner Würde, seiner Heimat und seines Verstandes berauben. Nackt, ganz nackt bleibt er zurück und als Assoziation zum Unwetter in der Heide im Original, wird er von den lieblosen Töchtern mit einem Gartenschlauch bespritzt. Wenn er danach mit ausgebreiteten Armen am Bühnenrand steht, erscheint auf der weißen Rückwand sein Schatten als bis zur Decke reichendes Kreuz. Überhaupt sind sie immer dabei, die Schatten. Mal verzerrt, mal riesig reflektieren sie als imaginäre Metaebene das Geschehen auf der Bühne. Während Hits aus den achtziger Jahren eingespielt werden, nimmt auch bei den Gloucesters das Unglück seinen Lauf: der Alte wird geblendet und Edgar entmachtet, auch er irrt jetzt nackt und weiß gepudert umher, gemeinsam ergreifen sie die Flucht.

Nach der Pause erscheint Lear mit einer riesigen Topfpflanze in weißer Rippenunterwäsche auf der Bühne, scheint mit sich selbst im Reinen, sein Wahnsinn schützt ihn vor dem Irrsinn um ihn herum.

Der Krieg zieht auf, mit karnevalesken Federbüschen zieht man in den Kampf gegen die Franzosen, die mit Cordelia an der Spitze im Anmarsch sind. Ohrenbetäubendes Getöse, die Pianistin knallt den Deckel des Pianos aufs Instrument, schlägt mit Hölzern dagegen, es dröhnt aus dem Off. Dann erscheint Cordelia. Lear erkennt sie, bevor sie fällt. Einer nach dem anderen fällt einfach um. Krieg. Lear ist ganz bei sich, beginnt seine Totenklage und stürzt über Cordelia, die einst so geliebte Tochter.

Edgar Selges Lear ist ein Scheiternder. Sein gut gemeintes Experiment muss scheitern, weil er nicht versteht, was um ihn herum geschieht, weil er die Menschen nicht kennt. Weil er nicht akzeptieren will, dass seine Zeit tatsächlich abgelaufen ist. Weil er alles, was ihm fremd, was neu ist, mit der vergifteten Vokabel „entartet“ betitelt. (Zweifellos eine politisch heikle Wortwahl des Übersetzers Rainer Iwersen). Am Ende sitzt er da wie ein tumber Tor, der er vielleicht schon von Anfang an war: Selges Lear scheitert an sich selbst. Vor Einsamkeit, Bitterkeit, Verzweiflung flieht er in den Wahnsinn. Der große Menschen-Darsteller Selge spielt das mit einer unglaublichen Virtuosität.

Die Intendantin Karin Beier inszeniert das Trauerspiel zum Spielzeitbeginn als Tragödie des Alltags: der Egoismen im Privaten wie in der Politik. Ein kluger Schachzug, die drei Intriganten, die allerdings zugleich Vertreter*innen der nachrückenden Generation sind, cross-gender zu besetzen, vielleicht nicht zuletzt, um deren zunächst egoistischen Konzepte damit zu denunzieren.

Ein beeindruckender Theaterabend, wenn auch einige Szenen (wie der Gartenschlauch) und aktualisierende Einschübe eher stören.