Caliban im Stadttheater Aschaffenburg

Wild, betrogen, versklavt

Dass ein freies Ensemble wie die „Junge Oper Rhein-Main“ die deutsche Erstaufführung einer zeitgenössischen Oper produziert, dürfte genau so ungewöhnlich sein wie der Mut des Aschaffenburger Stadttheaters, eines Gastspielbetriebs, das im vergangenen Jahr in Amsterdam uraufgeführte Werk in einer Abonnementsvorstellung anzubieten.

Die „Junge Oper Rhein Main“ mit Sitz in Mainz firmiert als eingetragener gemeinnütziger Verein. Vorsitzende ist die Sopranistin Manuela Strack, die selbst mit auf der Bühne steht. Vereinszweck ist es, jungen Opernsängern, Dirigenten, Regisseuren und Ausstattern an der Schnittstelle zwischen Studienabschluss und Berufseinstieg Auftrittsmöglichkeiten in einer professionellen Musiktheaterproduktion zu eröffnen. Dabei wird vorausgesetzt, dass alle Ensemblemitglieder sich über ihre spezifische Aufgabe hinaus in die jeweilige Produktion einbringen, so etwa beim Auf- und Abbau des Bühnenbildes.

Caliban ist nicht Eggerts stärkstes Werk für das Musiktheater, doch reizvoll genug, um die siebzig Minuten Dauer ohne Durststrecken zu überstehen. Librettist Peter te Nuyl fokussiert seinen Text in englischer Sprache auf die Titelfigur als staunendes, wissensdurstiges und empathisches Wesen, das aber aus europäisch-kolonialistischer Perspektive immer der Wilde bleiben wird, dem die sich selbst zivilisiert dünkende Welt die Menschenwürde rundheraus abspricht. Eggerts Musik spaziert in freier Anverwandlung durch das Elisabethanische Zeitalter und die typischen Kantilenen insularen Liedguts. Die Titelfigur selbst mutet daher zuweilen beinahe wie einer der Ausgestoßenen aus einer Britten-Oper an.

Regisseur Max Koch arbeitet die Figurenkonstellation prägnant heraus. Wo Caliban menschliche Zuneigung vermutet, wird er enttäuscht. So gibt sich Miranda mit ihm lediglich als possierliches Spielzeug ab. Stephano und Trinculo zeichnet Koch als ebenso gewissensfreie wie trinkfest-amüsante Vaganten.

Die Bühne von Theresa Steinert zeigt ein sandiges Eiland, auf dem sich Prosperos und Mirandas Habseligkeiten türmen, die ihnen auch im Exil zivilisatorische Mindeststandards verbürgen sollen.

Sophie Simon gewandet die europäischen Kolonisatoren in vielfach und sorgfältig abgestufte dunkle Rottöne von edlem Schnitt und vornehmer Anmutung. Caliban selbst trägt Rastalocken und sandfarben-funktionale Kleidung.

Das elfköpfige Kammerorchester, in dem weder Akkordeon noch Keyboard fehlen, leitet David Holzinger umsichtig und mit Sinn für transparenten Klang. Freilich drohen dennoch die Sänger bisweilen überdeckt zu werden.

Michael Long überzeugt in der Titelpartie durch eine belastbare Mittellage. Unschärfen der Intonation sollten sich geben. Der Schauspieler Josia Jacobi gestaltet Prospero mit wohltönender Sprechstimme. Katharina Nieß verfügt für Miranda über einen gut fokussierten raumgreifenden Sopran mit immer runder Tongebung. Thomas Dorn in der Doppelrolle von Ferdinand und Stephano gewinnt durch seinen zwar sehr schlanken aber dafür passgenau sitzenden Tenor. Manuela Strack als Trinculo bewährt ihren leicht ansprechenden Sopran.

Nach Auskunft von Ensemblemanager Björn Rodday wird die Junge Oper Rhein Main, die in diesem Jahr in den Stadttheatern von Rüsselsheim und Aschaffenburg zu Gast war, in der nächsten Spielzeit auch nach Boppard ins Obere Mittelrheintal zurückkehren. Das rege, doch oft biedere Kulturleben der Loreley-Region kann solche frischen Akzente brauchen.