Wahrlich eine seltene Gelegenheit
Es ist tatsächlich „eine seltene Gelegenheit“, das heitere, gesellschaftskritisch nicht ganz so ernst zu nehmende „dramma giocosa“ des spanischen Mozart-Zeitgenossen Vicente Martín y Soler Una cosa rara heutzutage auf einer deutschen Bühne zu erleben. Erstaunlich ist allerdings, dass das kokette Schäferspiel von der schönen Hirtin Lilla und ihren lüsternen, höfischen Anbetern als Rivalen ihres Verlobten, des Hirten Lubino, nach der Wiener Uraufführung Mozarts Figaro im selben Jahr (1786) in der Publikumsgunst den Rang ablief. Kurioserweise verfasste für beide Opern kein Geringerer als Lorenzo da Ponte das Libretto. Er bevorzugte den Spanier (1750-1806) - aus welchen Gründen auch immer. Denn er schuf für ihn fünf Libretti, für Mozart (der 37-jährig starb) jedoch nur drei. Im übrigen haben sich die beiden Komponisten keineswegs ignoriert: immer wieder erinnern die zwei Schäfer-Paare an Mozarts Così fan tutte, und Mozart zitiert ein kleines Stück aus Una cosa rara in der Bühnenmusik von Don Giovanni.
Freilich, uns heutigen Mozart-Verwöhnten mutet Solers Oper sowohl dramaturgisch wie erst recht musikalisch doch reichlich simpel an. Seine hübschen Motive und kurzen Melodien wiederholt er in jeder Nummer bis zum Überdruss. Den Sängern verlangt er trotzdem einiges an Technik ab, zumal der völlig verwirrten Schäferin Lilla in ihren mit Koloraturen gespickten Arien und auch Königin Isabellas Thronfolger Giovanni. Den eher einfältigen Kronprinzen verfremdet Regisseur Andreas Baesler im zweiten Akt zum kahlköpfigen, spitzbärtigen Maler, der - nur mit einem langen Lendenschurz bekleidet - eine tiefe Verbeugung vor dem Ausstatter dieser Inszenierung macht: dem Düsseldorfer Malerfürsten Markus Lüpertz, der in Regensburg vor sechs Jahren mit einer großen Werkschau zur Diskussion gestellt worden ist. Ein schlauer Schachzug des mutigen, stets auf das Besondere in seinem Repertoire bedachten Intendanten Jens Neundorff von Enzberg!
Lüpertz schlägt durch seine schrill bemalten expressionistischen Kulissen die Brücke vom zarten Rokoko zum burschikosen bayerischen Volkstheater unserer Tage. Zu Beginn stehen drei übergroße Pappkameraden an der Rampe: mit feisten Gesichtern und Gesten, bunt übertüncht wie die Rokoko-Kostüme der Protagonisten. Ein Halbrund kahl ins Dunkel ragender Bäume vor pastell-farbenem Horizont mutiert im Nu zum höfischen Enterieur - oder von drinnen nach draußen, indem Königin Isabella (Theodora Varga), Prinz Giovanni (Angelo Pollak) und Oberstallmeister Corrado (Philipp Meraner) einfach durch eine hohe Schlosspforte auf die grüne, Gänseblümchen-übersäte Wiese einer Waldlichtung treten. Dort steht die windschiefe Hütte der Geschwister Lilla (Anna Pisareva) und Tita (Mario Klein) mit ihren Verlobten Lubino (Seymor Karimov) und Ghita (Sara-Maria Saalmann). Auf einem schmalen Laufband der Drehbühne defilieren wie auf einem Kinderkarussell Schafe, Gebüsch, Felsbrocken und Wildschweine in unterschiedlicher Größe als mögliche Jagdtrophäen der Königin. Ein Ort, an dem Bürgermeister Lisargo (Jongmin Yoon) seines bürgerlichen Amtes in diesem Königreich walten könnte, ist nicht in Sicht. Aber just diesen feisten, nicht mehr ganz taufrischen Herrn hat Tita für seine schöne Schwester als wohlhabenden, einflussreichen Gemahl auserkoren. Dass das bäuerliche Quartett schließlich doch sein Glück mit einer Doppelhochzeit findet, versteht sich von selbst.
Das charmante Rokoko-Ambiente des Regensburger Theaters am Bismarckplatz passt ideal zu dieser musikalischen Komödie. Das Philharmonische Orchester unter der Leitung des Barockspezialisten Christoph Spering begleitet federleicht. Die Sängerinnen und Sänger begeistern durch ihre augenzwinkernde Spielfreude und beachtliche Stimmqualität.