Le comte Ory im Opéra Royal de Wallonie-Liège

Kriegsdienstverweigernder Kriegsgewinnler

Traditionell setzen die Häuser des frankophonen Bereichs im Advent und zwischen den Jahren auf Komik. Nicht anders die Königlich Wallonische Oper.

Rossinis Le comte Ory strotzt vor fröhlicher und handfester Blasphemie, die freilich leicht in die Klamotte abzurutschen droht. Bei aller Deftigkeit umschifft der als Darsteller wie Regisseur gleich zweifach mit dem „Molière“ ausgezeichnete Denis Podalydès die Gefahr, indem er das Liebesabenteuer des titelgebenden Grafen, der sich vor dem Kreuzzug gedrückt hat, um daheim unter den von ihren kriegführenden Gatten einsam zurückgelassenen adeligen Damen zu wildern und sich so zugleich als Kriegsdienstverweigerer und Kriegsgewinnler zu erweisen, punktgenau und hochmusikalisch entwickelt. Wer da wen berührt, an den Rockschößen zieht oder jemandem auf die Soutane tritt, ergibt sich konsequent aus Rossinis musikalischer Faktur. Orys faustdick auftragende Scheinheiligkeit schlachtet die in vornehmen Kemenaten grassierende Frömmelei einschließlich der zugehörigen Bußübungen gnadenlos aus, wenn der Draufgänger die Askese als das begreift, was sie ist, nämlich ebenso mühsam wie bloß oberflächlich kaschiertes erotisches Verlangen. Denn nur allzu gern werden in den unbemannten Schlössern und Burgen ausgerechnet solche zweifelhaftesten aller Nonnen beherbergt, als die sich der Graf mit seinen Kumpanen tarnt. Fortan geben sich Saufgelage und Gebete ein munteres Stelldichein. Zwar warnt Orys Page Isolier die Schlossherrin vor den Umtrieben seines Chefs, doch allein um selbst in deren Bett zu landen. Kurzfristig nimmt der Page dafür sogar eine Ménage-à-trois in Kauf. Er kennt Ory genug, um zu wissen, dass der Liebesabenteurer sich durch die Rückkehr des Schlossherrn in die Flucht schlagen lassen, die Begehrte sich vom Gatten aber keineswegs abhalten lassen wird, sich am Cherubino-Charme des Pagen zu bedienen.

Eric Ruf siedelt den Spaß zwischen grauen unspezifisch auf kirchliche Aura deutenden Wänden an. Im ersten Akt stopft Ruf die Bühne mit historistischem Sakralgerümpel voll, wie es sich in den Abstellkammern vieler Gotteshäuser findet. Von einer Kanzel herab produziert sich der Graf vor der Gemeinde als geistlicher Charmeur, der Beichtstuhl ist geheimeren Schlichen reserviert. Im zweiten Akt dient ein Altar gleichzeitig als solcher, später - nun mit einem Baldachin bekrönt - als der Schlossherrin strapaziertes Himmelbett und final als Zugang zum Fluchttunnel, durch den Ory und Konsorten entkommen.

Schon die Vorhangprojektionen mit Schlachtgemälden, auf denen die in der Entstehungszeit der Oper um 1830 einsetzende Eroberung Algeriens durch Frankreich verherrlicht wird, weisen auf die Verlegung der Handlung aus dem Mittelalter in die Zeit der Kolonialkriege des 19. Jahrhunderts. Passend dazu kleidet Couturier Christian Lacroix die Figuren in die Mode aus der Zeit französischen Königs Karls X. Die Uniformen der am Schluss auftretenden Soldaten hingegen datieren in die Endphase der Unterwerfung Algeriens nach der Jahrhundertmitte.

Den Choers der Opéra Royal de Wallonie hat Pierre Iodice zu versierten Leistungen vorbereitet.

Jordi Bernàcer musiziert stilsicher mit dem Orchester der Königlich Wallonischen Oper, wenngleich die Lautstärke die Solisten mitunter zudeckt und die Feinabstimmung zwischen Graben und Szene gewinnen kann.

Mit Antonino Siragusa gestaltet ein bedeutend formatierter Sängerdarsteller die Titelfigur. Weniger sind stimmlich stilistische Eleganz, Flexibilität und Geschmeidigkeit Siragusas Sache als schauspielerische Verve. Jodie Devos verleiht der Gräfin Adèle vokal leicht ansprechende Beweglichkeit samt Koloraturgeläufigkeit und runder Tongebung. Der Isolier von Josè Maria Lo Monaco gibt sich ebenso volltönend wie bestens fokussiert. Enrico Marabelli als Raimbaud, Laurent Kubla als Gouverneur, Alexise Yerna als Ragonde und Julie Mossay als Alice sind verlässliche Comprimarii.