Sklaven Leben im Schauspiel Frankfurt

Schwaches Stück, starke Schauspieler

Das Thema muss auf den Nägeln brennen. In Katar bauen Sklaven die Stadien für die nächste Fußball-Weltmeisterschaft, in fernöstlichen Textilfabriken wird unter unsäglichen Bedingungen produziert, was viele Deutsche am Leib tragen, in unseren Fleischfabriken und auf dem Bau werden osteuropäische Arbeiter um ihren Lohn geprellt und die Bedingungen, unter denen so manche Haushaltshilfe vegetiert, erniedrigen die Frauen zur bloßen Ware. Höchste Zeit daher für ein Stück, das sich der zeitgenössischen Sklaverei annimmt.

Konstantin Küspert stellt sich der Aufgabe und scheitert. Dass er die Rollen von Herrschern und Opfern verkehrt, Schwarzafrikaner zu Herren über Europäer promoviert, bleibt substantiell folgenlos. Küspert will zu viel und bietet zu wenig. Herausgekommen ist ein bloßes Zeitgeiststück, affirmatives Wohlfühltheater, in dem sich das Publikum auf Seite der Guten wähnen darf. Küsperts historischer Rundumschlag landet im Banalen. Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus geben sich munter miteinander vermengt. Schon jeweils für sich genommen sind sie scheußlich. Selbdritt sollen sie den Schrecken potenzieren. Meist aber reicht Küsperts Imagination allenfalls in selige Schulfunkzeiten. Brav doziert er über den sklavenbasierten Dreieckshandel zwischen Afrika, den späteren USA und Europa. Sklaverei fußt für Küspert im Wesentlichen auf Rassismus. Profitstreben gilt eher sekundär. Religiöse Motive zählen nicht, wenn auch - geschichtlich betrachtet - die unheilvolle Kombination aus Glaube und Geschäft den Sklavenhandel florieren ließ. Daher wurde im Osmanischen Reich schwunghaft mit Europäern gehandelt. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind Spendenaktionen zu deren Freikauf dokumentiert. Weil Sklaven Leben gleichermaßen die historische Tiefenschärfe wie die präzise Konturierung gegenwärtiger Verhältnisse fehlt, bringt die lose und eher assoziativ verknüpfte Szenenfolge nur ausnahmsweise Momente hervor, die berühren, etwa die Allegorie der auf völlige Verfügbarkeit reduzierten von morgens bis nachts der Herrschaft willfahrenden, unbezahlten und sexuell missbrauchten Haushaltshilfe als Showtanznummer bis zum Exitus. Final geht die Begegnung europäischer Bootsflüchtlinge mit einem afrikanischen Poseidon unter die Haut, allerdings nur, bis dieser beginnt, wohlfeil akklamationsfähige sich humanitär gebende Phrasen zu dreschen.

Jan-Christoph Gockel unternimmt alles, um Sklaven Leben aufzuhelfen. Revuehaft, körperbetont und - soweit möglich - witzig lässt er die Szenen ausspielen. Immer wieder ergeben sich optisch bemerkenswerte Tableaus.

Auch Bühne und Kostüme von Amit Epstein arbeiten dem Stück zu. Epstein siedelt es in einer Art Kostümfundus an, aus dem sich die Figuren je nach Situation bedienen, oft an farbenfrohen Collagen, die mehrere Kleidungsstücke zu einem neuen kombinieren.

Weit davon entfernt, Personen zu sein, diffundieren die namenlosen Figuren in die jeweilige Situation hinein. Ausnahme ist Komi Togbonou, der als Spielmacher und Conferencier souverän und sarkastisch durch den Abend führt. Luana Velis überzeugt durch reich modulierte Sprachbehandlung. Torsten Flassig tanzt sich als Haushaltshilfe zu Tode. Christoph Pütthoff und Sebastian Reiß agieren mit Verve. Wacker schlägt sich Katharina Kurschat. Die Studentin an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst hat es ins Studiojahr Schauspiel geschafft.