My Fair Lady im Badisches Staatstheater Karlsruhe

Emanzipiert

So unterhaltsam die bizarre Freiburger Fledermaus war, am Folgetag eine gleichartige Produktion zu verkraften, hieße einen Orkan an Reizen und daher Übersprungreaktionen riskieren. Die Karlsruher My Fair Lady kommt daher gerade recht. Dennoch sage niemand, sie besäße vor Ort und darüber hinaus keine Aktualität, residiert doch in der badischen Metropole der Riesenphilosoph Peter Schleusenteich, vulgo Sloterdijk, in dessen elitärem „Menschenpark“ Eliza als gendefektes Zuchtergebnis keinen Platz finden würde. Vor solchem Hintergrund darf selbst der Dressurakt eines Henry Higgins als Bekenntnis zu Humanität und Menschenliebe aufleuchten.

Dass die gelungene Volksaufklärung der Karlsruher Lady bislang nicht nach NRW ausstrahlte, liegt möglicherweise am dortigen Mangel an Riesenphilosophen, kann aber auch daher rühren, dass vor der Hand alles ist wie in jeder anderen guten Produktion. Die Pointen und Sottisen werden zuverlässig und präzise serviert. Auch bleibt Zeit für Ernsthaftes, wenn etwa Higgins - unvermittelt nicht mehr kauziger Privatgelehrter - rhetorisch brillant über sprachliche Schönheit als Ausweis der Menschenwürde doziert. Pickering schwingt sich zwar zu mehr als einem Stichwortgeber auf. Mahnt er indessen bei Higgins die glimpflichere Behandlung Elizas an, lässt sich der Oberst dennoch weiterhin mit Floskelgebrumm abspeisen.

Hingegen begehrt das Versuchskaninchen auf. Eliza erfindet sich in Karlsruhe von Grund auf neu. Aus Widerspenstigkeit und allmählich auch Widerstand gegen den Sprachdompteur schält sich die das Übergreifende des Problems männlicher Herrschaft realisierende Frauenrechtlerin heraus. Eliza wandelt sich zur Suffragette. Higgins bleibt einsam zurück.

Übrigens bietet Karlsruhe Phonetikern ein weites Forschungsfeld. Die badische Hauptstadt durchziehen so einige Sprachgrenzen, eine davon ist die Scheidelinie zwischen „ai“ und „oi“. Während es also in manchen Stadtteilen „drai waiche Aier“ heißt, dann in anderen „droi woiche Oier“. Zudem wird in Karlsruhe das berüchtigte aus allen umliegenden Dialekten zusammengeraffte „Brigantendeutsch“ gesprochen. Gleichwohl hört sich im Badischen Staatstheater der sprachliche Reichtum der örtlichen Idiome für den dialektunkundigen Besucher von auswärts nach Berlinerisch an. Wird aber an Karlsruhes Staatsoper tatsächlich berlinert, muss der unheilvollen Prophezeiung des legendären Münsteraner Theaterinspizienten Karlheinz Bock am Brink aus der Tiefe der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gedacht werden. Finster sprach einst Bock am Brink: „Solange auf Münsters Bühne bei Doolittles nicht Masematte gesprochen wird, lässt sich das Lady-Berlinern allüberall nicht abstellen.“

Zurück in die badische Metropole: Annemarie Woods bebildert die Szene wie es sich für ein renommiertes Haus gehört großzügig, stilvoll und gediegen. Gleiches leistet Ilona Karas für die Kostüme. Der von Ulrich Wagner einstudierte Badische Staatsopernchor legt sich vokal und darstellerisch höchst engagiert ins Zeug. Das wohl auch, weil sein Chef an diesem Abend am Pult steht. Ulrich Wagner kitzelt aus der Badischen Staatskapelle die rhythmische Verve und den Stilpluralismus der Lady von Habanera und Jota bis zu Vaudevillenummern und Walzerseligkeit heraus.

Kristina Stanek ist Eliza. Eine unerhörte Luxusbesetzung, agiert Stanek doch für gewöhnlich als Carmen, Cherubino, Sesto und Romeo (in I Capuleti e i Montecchi). Wer der gebürtigen Krefelderin lauscht, empfindet sich wie Hans im Glück. Souverän misst Stanek die Bandbreite von Schöngesang bis zu rauchigen Jazzanklängen aus. Holger Hauer gibt einen stimmlich wie deklamatorisch erfahrenen Higgins. Peter Pichler bewegt sich auf sprachlich eleganter Linie. Hauskämpe Edward Gauntt lässt an Doolittle keine Wünsche offen. Freddy ist bei James Edgar Knight tenoral bestens aufgehoben. Das große Ensemble liefert auch in kleinen und kleinsten Rollen jeweils Kabinettstücke.

Fazit: Zwar ist an Higgins allerlei auszusetzen. Dass die Lady aber auch in Karlsruhe seit Langem erfolgreich ist, missfällt hoffentlich dem örtlichen Riesenphilosophen Sloterdijk, dem die Produktion, ob sie nun will oder nicht, mit der Emanzipation der wenig elitären und für den „Menschenpark“ ungeeigneten Titelfigur zur Frauenrechtlerin eine unübersehbare Nase dreht.