Der Liebestrank im Theater Pforzheim

Con brio

Nordrhein-Westfalen, die nicht in der Schmuck- oder Edelmetallbranche tätig sind, kennen die badische Kreisstadt an der Enz oft nur dem Namen nach. Weit über zwei Drittel aller Auslagen in deutschen Juweliergeschäften stammen von hier. Nicht ohne Rückwirkungen auf das Repertoire des örtlichen Theaters. In der vorvergangenen Spielzeit stand Cardillac auf dem Programm, die gegenwärtige eröffnete mit einem aus dem Ring herausgelösten Rheingold.

Präsente aus dem Juweliergeschäft mögen die Werbung um die Angebetete unterstreichen. Wer sich aber Geschmeide nicht leisten kann oder will, greift möglicherweise zur Flasche. Dass Rotwein auch im Badischen Courage bei die Partnerakquise verleiht, bekräftigen die überraschend kernigen und körperhaften regionalen Winzererzeugnisse.

Bei Altmeister Wolfgang Lachnitt kommt Donizettis Repertoirerenner Der Liebestrank unbefangen und quirlig wie am ersten Tag daher. Ganz wesentlich gelingt das, weil Lachnitt gar nicht erst versucht, irgendwelche Schnittmengen zwischen den Figuren der Typen- und Charakterkomödie zu entdecken. Dulcamara bleibt der Popanz, der er ist, Belcore ein Spielzeugautomat, dessen inwendige Mechanik ihn fortgesetzt dazu veranlasst, sich auf die Schulter zu klopfen. Vom automatisch, präzise und repetierend abgespulten Balz- und Eroberungsgehabe bleiben wie von jeder Art Spielwerk die beseelten Geschöpfe nicht unberührt. Für die geschäftstüchtige Adina, da sie beruflich unsentimental funktionieren muss, erhebt eben das Maschinenhafte den Galan zum Faszinosum. Dies, schon weil der Schmachtlappen Nemorino nicht allein seiner Armut halber keine Alternative bietet. Sehr fein zeichnet Lachnitt, wie erst der Rotweingenuss die Persönlichkeit des Burschen zu sich selbst befreit und festigt, so dass ihm künftig nicht die Liebe aus allen Poren trieft. Je stärker er Empfindung und Courage ins Gleichgewicht bringt, desto deutlicher realisiert Adina, wie der sein immergleiches Programm abspulende Spielzeugautomat Belcore ihr zunehmend auf die Nerven geht. Selbstbewusst und gescheit fordert sie weder einen solchen noch ein Weichei an ihrer Seite, sondern einen Partner mit Seele und Format.

Die Bühne von Christian Albert enttäuscht. Spießigkeit und Kitsch geben einander die Klinke in die Hand. Vorne von roten Klatschblüten eingefasst, begrenzen Lamellenwände wie aus dem Baumarkt die Spielfläche zu den Seiten hin. Im Hintergrund nicken Sonnenblumen vor blauem Himmel. Immerhin trägt Albert, der auch die Kostüme verantwortet, zur Figurenzeichnung bei, etwa indem er Adina ein Businessoutfit und Belcore papageienhafte Montur verpasst.

Ganz Erstaunliches bietet die musikalische Seite der Produktion. Chor samt Extrachor des Theaters Pforzheim lassen sich von Alexandros Diamantis einstudiert präzise, voluminös und durchschlagskräftig vernehmen.

Florian Erdl leitet die Badische Philharmonie Pforzheim zu gleichermaßen schwungvollem und differenziert ausgehörtem Musizieren an. Das geht ins Blut und trägt wunderbar durch die vergnügliche Produktion.

Natasha Sallès gestaltet eine stimmlich ebenso elegante wie höhensichere Adina. Daniel Jenz ist ein solider, vokal zuweilen etwas unausgeglichener Nemorino. Paul Jadach gibt ein darstellerisch wie vokales Prachtexemplar von Belcore. Mit satter Tiefe und bombiger Höhe führt Jadach seinen baritonalen Eroberungsfeldzug bis in des Hauses letzten Winkel. Über opulentes Material verfügt auch der Dulcamara von Aleksandar Stefanoski, nur Sprachbehandlung und gesangliche Linie lassen Wünsche offen. Stärker als in anderen Produktionen ist Gianetta profiliert. Kein Wunder, Elisandra Melián alterniert in der Titelpartie und beweist mit jedem Ton ihre Befähigung dazu.

Fazit: Mindestens ebenso wie Chianti classico oder Bordeaux empfiehlt sich in Liebesnöten badischer Rotwein.

 

Nach drei im Badischen zugebrachten Tagen zeigen sich die regionalen Häuser, was das musikalische Unterhaltungstheater anlangt, klar konturiert. Freiburg fokussiert szenischen Avantgardismus. Das in seinen vokalen Leistungen eher gemischte Ensemble beweist sich aber durchweg als schauspielerisch versiert. Das disparate Orchester befremdet. In Karlsruhe werden die gehobenen Erwartungen ans traditionsreiche Haus durch die exquisite Besetzung der Titelrolle noch überboten. Das kleine Theater Pforzheim nimmt mit solidem Regiehandwerk und musikalischen Meriten für sich ein. Das lässt die scheußliche Bühne beinahe vergessen. Badische Schaum- und Rotweine lohnen die Verkostung.