Abgrund im Schaubühne Berlin

Spiel am Abgrund des schönen Scheins

Alles nur Klischees? Alles nur zynische Überspitzung, was Maja Zade in ihrem neuen Stück Abgrund den Zuschauerinnen und Zuschauern an der Berliner Schaubühne auftischt? Die Wortgefechte zwischen Bettina und Matthias, die in ihrer neuen Küche zum Abendessen einladen, sind fast schon schmerzhaft, weil sie so treffsicher die Weltbilder unserer modernen Wohlstandsgesellschaft auf den Punkt bringen. Wiedererkennungswert mit unbehaglichem Unterton inbegriffen.

Was geschieht an dieser polierten, offenen Designerküche, die im Mittelpunkt der Bühne steht? Bettina und Matthias haben es dahin geschafft, wohin viele wollen: Die schicke Berliner Wohnung krönt eine teure Küche, an der man, wie es heutzutage so üblich ist, zusammen kocht, Wein trinkt und übers Leben plaudert. Matthias (wird von Christoph Gawenda als etwas treudoofer Sympath mit berufsjugendlicher Frisur gegeben) ist mit Bettina (Jenny König scheint mühelos in die Rolle der patenten Frau zu schlüpfen, die nie etwas Falsches sagt oder tut) liiert. Das Glück komplettieren zwei Kinder, das eine fünf, das andere noch ein Säugling. Doch in welcher Welt bewegt sich die Paarbeziehung? Was sind ihre Träume und Wünsche über das hinaus, was sie leben?

Vieles, so macht das Stück klar, hat wenig mit den Individuen zu tun, sondern scheint in der Bewertung der Welt und der anderen stattzufinden. Da gibt es das Thema „Politik“, das von dem Freundeskreis mit den bekannten Deutungsmustern belegt wird. Darf man noch „Flüchtling“ sagen oder muss man nun – politisch korrekt – „Geflüchtete“ wählen? Wer hat schon noch Lust auf politische Korrektheit, wenn man selbst doch total reflektiert ist und die Kleiderspenden für die Flüchtlinge effektiv in der Facebook-Gruppe bespricht. Und klar doch, ein bisschen besser als die anderen ist man schon, wenn man den Öko-Saft kauft und trinkt und einen homosexuellen Freund hat, mit dem man auch mal, so total easy halt, über Sexualität spricht. Ist ja auch wichtig, für alles und jedes Verständnis zu haben und mit allem und jedem klar zu kommen.

Das Stück fängt einen vom ersten Augenblick ein, die Dialoge sind temporeich, die Charaktere werden elegant herausgearbeitet, und Regisseur Ostermeier setzt auf die Stärken der Schauspielerinnen und Schauspieler. Etwas nervig sind allenfalls die Einblendungen im Hintergrund des Geschehens, wenn schlagwortartig die Gespräche nochmal zusammengefasst und so dem Zuschauer doch recht ostentativ und wenig spielerisch aufs Auge gedrückt werden.

Am Ende wird die scheinbar heile Welt aus Gutmenschentum und loyaler Freundschaft auf die Probe gestellt, wenn das ältere Kind das jüngere aus Eifersucht umbringt. Ein heftiger Kunstgriff, der brachial den Zuschauer konfrontiert mit der emotionalen Unreife der Protagonisten. „Sie war ein Geschenk“ will die Freundin die Gastgeberin trösten.

Verlegenes Stöhnen hört man aus den Zuschauerreihen. „Ich wüsste auch nicht, was ich sagen sollte, wenn das Kind einer Freundin sterben würde!“, sage ich zu meiner Nebensitzerin an diesem Abend.

Am Ende hält Zade uns allen wohl den Spiegel vor – und das ziemlich gekonnt.