Übrigens …

The Nation im Schauspiel Frankfurt

Zweiteiler mit unterschiedlicher Intensität

 

Dramatische Urkräfte im Medienzeitalter


Eric de Vroedt, der als Schauspieler zum Stückeschreiben gefunden hat und seit 2016 das Nationaltheater in Den Haag leitet, entwirft seine dramatische Produktion im Serienformat. So umfasst die Stückfolge Mighty Society zehn Teile. Für The Nation, das im vorvergangenen Jahr an de Vroedts Haus aus der Taufe gehoben wurde und nun in der Mainmetropole die deutsche Erstaufführung erlebt, bescheidet sich der Autor hingegen mit „nur“ zwei Abenden. Der erste dauert knappe drei Stunden.

The Nation spielt im multikulturell geprägten Großstadtmilieu. Katalysator der Handlung ist das Verschwinden des elfjährigen Ismael. Zunächst scheint der Fall klar auf der Hand zu liegen. Offenbar entkam der Junge einem übergriffigen Polizeibeamten, der ihn einer eingeworfenen Scheibe halber aufs Revier verbracht hatte. Nun hält sich der Elfjährige höchst wahrscheinlich versteckt. Während der zur Untersuchung der Vorgänge angereiste interne Ermittler auf Granit beißt, verschwimmen die scheinbaren Fakten zusehends. Denn Ismael zertrümmerte ein Fenster jenes Gebäudes, in dem seine Mutter als treibende Kraft einer Initiative emanzipiert-muslimischer Frauen eine Weinbar einrichten möchte. Ein Ansinnen, das ihr Stiefsohn - Ismaels Bruder und Chef der Schariapolizei im Viertel - rundweg ablehnt. Zusätzlich bindet de Vroedt den dramatischen Knoten durch ein bildungsbürgerliches Ehepaar, das aus lauter Wohlmeinen und zweifelhafter Loyalität zu den Objekten seiner Solidaritätsbekundungen besteht, einen Landtagsabgeordneten unter Pädophilieverdacht sowie einen Baulöwen, der auf den Abriss des multikulturellen Quartiers sinnt, um statt dessen ein neues Stadtviertel zu errichten, das seinen finanziell potenten künftigen Bewohnern eine Mixtur aus Überwachungstechnologie und computergesteuertem Heim verspricht.

De Vroedts Figuren sind aus Fleisch und Blut, das heißt durch und durch gemischte Charaktere, keine Thesenträger also, vielmehr Menschen, die das eine Mal Sympathie wecken und vielleicht schon im nächsten Augenblick Ablehnung. Und doch fasst die Ironie des Autors die Figuren in einem umfassenden Humanum zusammen, das nicht deren Fehler, aber die Menschen gelten lässt. So alltäglich de Vroedts Realismus daher kommt, die Figurensprache zeigt sich mit sämtlichen Wassern klassischer Rhetorik gewaschen. Was angesichts der Handlungsstruktur nicht Wunder nimmt, die zwar einer Matrix aus Talkshowformaten, Serien auf Streaming-Portalen und Videobloggs eingeschrieben scheint. Doch befreit und ertüchtigt de Vroedt deren auf einer Schwundstufe vorhandenes dramatisches Potential unter anderem durch den Einsatz traditioneller Mittel wie der Briefintrige zu ebenso neuer wie explosiver Schlagkraft. Befördert von den Riesendimensionen der Bühne des Frankfurter Schauspiels stellt sich in diesem faszinierenden Prozess ein ums andere Mal die Empfindung ein, in einem antiken Theater zu sitzen.

David Bösch gibt dem gleichermaßen substantiellen wie effektsicheren Stück so viel Schwere wie nötig und so viel Leichtigkeit wie möglich auf den Weg. Atmosphärisch dicht werden die Milieus von Solidarität und Konkurrenz auf dem Polizeirevier umrissen, die Talkshow mit der medial perfekt konditionierten Starjournalistin im Mittelpunkt samt den entsprechenden Ritualen des Formats oder das bildungsbürgerliche Wohnzimmer vorgezeigt. Bösch desavouiert keine der Figuren. Ihre Positionen muss man nicht teilen, aber nachvollziehen lassen sie sich, so widersprüchlich und konträr sie auch sein mögen.

Mutig arbeiten Patrick Bannwart und Larissa Kramarek mit der schieren Größe der Frankfurter Bühne. Sie nutzen die ragenden Mauern des Turms sowie die eisernen Vorhänge zur Hinter- und zu den Seitenbühnen, um durch deren Monumentalität jedes Abdriften des Realismus von Polizeirevier und Fernsehstudio ins naturalistische Mimikry zu unterbinden, während die Kostüme von Moana Stemberger die jeweiligen sozialen Milieus mehr oder minder mit Augenzwinkern bedenken.

Die Videos von Bert Zander modellieren das Treiben eines Videobloggers im gar nicht possierlichen Bärenkostüm. Fleißig gießt die Raubtiermaske Öl ins Feuer.

Benjamin Lüdtke vergrößert mit seiner Livekamera Detailaufnahmen der The-Nation-Personage zu regelrechten Szenenbildern.

Das Ensemble agiert auf einheitlich hohem Standard. Schon weil sie entsprechende Qualitäten demonstrieren muss, sticht Claude de Demo als Starjournalistin Sabine Kuypers heraus. Aus entgegengesetztem Grund kann sich Altine Emini als einfache Polizeibeamtin Ludmilla Bratusek profilieren, die auf dem Revier des Stadtviertels ihre Arbeit nicht ganz unsympathisch, aber am unteren Ende des Dienstes nach Vorschrift versieht. Sie ist es auch, die das Publikum am Ende des ersten Abends von Amts wegen ins Bett schickt, auf dass es Kräfte für den zweiten schöpfe.

 


Dramaturgisch virtuoser Konservatismus

 

Gut möglich, es liegt an der Ausgeschlafenheit und hohen Erwartungshaltung der Zuschauer, dass der folgende etwas über zweistündige Abend nicht ganz so zündet wie der vorausgegangene. Dabei spitzen sich die Konflikte durchaus zu. Denn mit dem Investor Jörg van der Poot gelangt eine neue starke Figur ins Spiel, die bisher - genau wie ihr Projekt, das bestens überwachte und algorithmengesteuerte neue Stadtviertel - nur virtuell gegenwärtig war. Van der Poot und der pädophilieverdächtige Landtagsabgeordnete Wolff offenbaren sich rasch als einst beste Freunde, wie sie gegensätzlicher nicht sein können. Während der Investor calvinistisch geprägt ist und sein neues Quartier eigentlich nichts anderes als eine Fortsetzung der fehlenden Gardinen vor vielen niederländischen Wohnzimmerfenstern, stilisiert der Landtagsabgeordnete Wolff das Multikultiviertel zur Basis seiner konkreten Utopie. Doch wird der Volksvertreter von einem Untersuchungsausschuss seiner eigenen Partei politisch erledigt. Er, der nichts mehr zu verlieren hat, bringt nach einem live ins Netz gestellten brillanten Wortgefecht mit van der Poot den Investor um. Schuld am Tod des elfjährigen Ismael tragen beide Männer gleichermaßen, nicht durch Vorsatz, sondern durch Ignoranz und Fahrlässigkeit. Später zeigen sich Ismaels Hinterbliebene in exakt jener Mischung aus Trauer und Alltagsbanalität, wie sie in solchen Situationen üblich ist. Final tauscht sich Schariapolizeichef Damir mit dem verstorbenen Ismael in brüderlichem Dialog aus.

Die ersten beiden „Akte“ des zweiten Abends sind brillant, aber eben auch unter weitgehendem Verzicht auf die medialen Formate, aus denen der erste Teil seine Faszination bezog, durchaus konventionell geschrieben. Der Untersuchungsausschuss, der mit den gängigen Politikertypen vom Karrieristen, Mitläufer bis hin zum Quotenmigranten besetzt ist, liefert sich schlagfertige Wortgefechte untereinander wie auch mit dem zum Abschuss freigegebenen Parteifreund Wolff. Es ist die klassische Dramensituation des Gerichts oder Tribunals. Die Auseinandersetzung der Freundfeinde im Folgeakt bietet einen blendend disponierten Monumentaldialog der Rivalen wie aus der griechischen Tragödie. Die Szene mit den Trauernden zieht sich in die Länge, was in der Natur der Situation liegt, aber danach verlangt, dramaturgisch stärker, als das hier der Fall ist, gegenzusteuern.

David Bösch zeichnet auch in diesem konventionellen Rahmen packende Charakterbilder und spielt die Konflikte virtuos aus. Skurrilitäten und ironische Pointen werden präzise serviert. Großes Schauspielertheater setzt Bösch im monumentalen Streitgespräch der einst in Freundschaft und nun in Hass verbundenen Gegenspieler ins Werk.

Patrick Bannwart und Larissa Kramarek bauen dafür ein großflächiges Modell der von van der Poot intendierten schönen neuen Welt auf die Bühne, das sich trefflich durchwandern lässt und dessen Wolkenkratzer dennoch von Hand versetzbar sind. Nicht zufällig ähnelt es der Skyline unmittelbar vor den Türen des Frankfurter Schauspiels. Dass der von seiner eigenen Partei erledigte Abgeordnete Wolff den Investor mit einem Modellwolkenkratzer erschlägt, weckt in diesem Kontext zahlreiche Assoziationen.

Nach wie vor ragt auch an diesem zweiten Abend Claude De Demo, dieses Mal als Parteivorsitzende Neele Tromp, aus der schwer beeindruckenden Ensembleleistung hervor. Markant umreißt Heiko Raulin den Abgeordneten Martin Wolff. Shenja Lacher verleiht dem Investor van der Poot durchaus sympathische Züge, die freilich über die Skrupellosigkeit des Finanzhais nicht hinwegtäuschen. So glaubhaft verkörpert Samuel Simon, wie der Chef der Schariapolizei sich als islamistischer Agnostiker entpuppt, dass sich die Frage, ob es Leute seinesgleichen überhaupt gibt, erst auf dem Heimweg stellt.