Ausweitung der Kampfzone im Deutsches Theater Berlin

Zynische-sensible Abkotz-Show

Ach Michel, Du kleiner Zyniker, Du aufmüpfiger Zeitgeist-Beobachter, Du genialer Schriftsteller, der Du so konzise und scharf den Finger in die Wunde legst, der Du uns aufzeigst, wo wir eigentlich stehen, wir, die wir die heutige Zeit mit unserem eigenen Handeln mitgestalten und oftmals nicht besser sind als Deine Figuren, die wir mit Staunen betrachten, wir, die wir Deine Bücher kaufen und ins Theater gehen, um Deine Texte auf der Bühne zu sehen und dann nach Hause gehen und dann unser kleines Leben weiterleben und niemals zugeben würden, dass Du uns erkannt hast und wir stattdessen sehnsüchtig auf Dein nächstes Buch warten.

Der französische Star-Autor Michel Houellebecq hat mit Ausweitung der Kampfzone, seinem Erstling, seinen Platz in der Literaturwelt markiert. Houellebecq, Jahrgang 1958, der eigentlich Agraingenieur ist und danach im Informatikbereich arbeitete, hat mit der Ausweitung der Kampfzone ein Kultbuch geschrieben, und wie das so ist, wenn jemand der aktuellen Gesellschaft den Spiegel vorhält, weiß selbige nicht so recht, wie sie damit umgehen soll: „Der Roman wird in Windeseile zum Kultbuch, rückhaltlos gelobt und wütend bekämpft, zunächst in Frankreich , seit 1999 auch in Deutschland. Heute gilt der Roman als Pioniertat. Sein Titel ist zum Sprichwort geworden, die Kampfzonen zum Synonym für die „Seelenlandschaften unserer Gesellschaft“, schreibt das Deutsche Theater zu seiner Titelauswahl, denn aktuell wird die „Ausweitung der Kampfzone“ dort aufgeführt.

Regisseur Ivan Panteleev weiß genau, wie er den Schauspielerinnen und Schauspielern den doppelten Ton entlockt, den Houellebecq so sensibel und scharfzüngig zugleich eingearbeitet hat. „Wir stehen im Dienst des Kunden“, bettelt Marcel Kohler als verklemmter IT-Experte um das Verständnis des Publikums. Wer bin ich? Und wenn „ja“ wozu? Der IT-Experte kassiert ab, aber in der Liebe ist er ein Loser, die Frauen sehen ihn als Zwischenstation und nicht als Erfüllung ihrer Sehnsüchte. An welchem Männlichkeitsbild soll ich mich orientieren, wenn eine Zahl auf meinem Konto mir dennoch nicht die Liebe kaufen kann? Jeremy Mockridge gibt den gut aussehenden Beau, Lisa Hrdina rastet in regelmäßigen Abständen gepflegt aus und Samuel Finzi hat den einen oder anderen frauenfeindlichen Spruch parat, der dem charmanten Star wie gewohnt locker über die Lippen geht.

Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen“, schreibt der Autor in seinem Werk.

Die Inszenierung am Deutschen-Theater endet irgendwo zwischen temporeicher Abkotz-Show über den heutigen neoliberalen Zeitgeist, die den Zuschauerinnen und Zuschauern den einen oder anderen verhaltenen Lacher entlockt, und gähnender Sinnleere über das, was wir doch eh schon alle wussten: Wirtschaftswelt ändere Dich, Michel, bleib wie Du bist!