Philoktet im Berlin, Deutsches Theater

Männlicher Pussy-Fight

Was erwartet uns, wenn wir ins Deutsche Theater gehen, um uns einen historischen Stoff - dann noch in der Bearbeitung von Star-Dramatiker Heiner Müller, dem Experten für Tiefe, Epos und allgemeine Bedeutungsschwere - reinzuziehen?

Eigentlich das, was Regisseur Amir Reza Koohestani nun auf die Bühne gebracht hat: Anderthalb Stunden bitter-brachiale Düsterheit, starke Dialoge, und ein noch expressiveres Bühnenbild, grausam und bedrohlich in Optik und Anmutung.

Jörg Pose spielt den Kriegshelden Odysseus und es ist, was wohl? Krieg! Der Trojanische Krieg tobt, und Odysseus will den Bogenschützen Philoktet zurückholen, den Odysseus auf der Fahrt nach Troja auf einer einsamen Insel aussetzen ließ weil seine Schmerzensschreie nach einer Verwundung die Griechen störten. Eine schwierige Mission, denn Philoktet ist auf ihn verständlicherweise nicht gut zu sprechen. Das gilt auch für Neoptolemos, der ihn begleitet: Schlaumeier Odysseus hat ihn um sein Erbe betrogen.

Auf Neudeutsch könnte man das Ganze wohl als männlichen Pussy-Fight bezeichnen: „Meine Güte, können sich die Jungs nicht irgendwie einigen, anstatt wieder mal Krieg zu spielen?“, mag man da denken.

So treffen die drei (Philoktet: Edgar Eckert; Odysseus: Jörg Pose; Neoptolemos: Niklas Wetzel – alle stark aufspielend in dieser Inszenierung) in Philoktet aufeinander: Koohestani fokussiert sich auf das Aufdröseln, beziehungsweise die Betonung von Machtstrukturen in dem Müller/Sophokles-Text. Odysseus, der geschickte Manipulator, der Machtmensch, der Intrigant. Die Geschichte funktioniert in sich, und die Botschaft scheint zu lauten: Handlungsweisen sind oft determiniert; aus der Vorbestimmung gibt es kein Entrinnen.

Regisseur Koohestani verzichtet gänzlich auf ironische Zwischentöne, die der Sache eventuell gutgetan hätten. Letztlich ist diese Inszenierung Geschmackssache - ein Ungetüm sprachlicher und optischer Gewalt. Philoktet am Deutschen Theater ist dicht und eindringlich – und natürlich auch irgendwie berührend in Zeiten, in denen wir in einer ach so aufgeklärten Gesellschaft dennoch unter (politischen) Machtstrukturen leiden.

Sophokles ist auch nach knapp zweieinhalbtausend Jahren aktuell.