Manon Lescaut im Frankfurt, Oper

Glanz und Elend einer Flüchtenden

Keine Frage, die Frankfurter Manon Lescaut ist repertoiretauglich und abonnementgängig. Sie gibt sich zeitgemäß, lässt die Figuren als Heutige agieren, holt mit Flüchtenden Tagesgeschehen ins Spiel und verzichtet nicht auf gehörigen Sex Appeal. Mit Asmik Grigorian bietet sie eine Sängerdarstellerin im gänzlichen Ausnahmeformat auf.

Der Reihe nach: Für Àlex Ollé ist Manon eine Migrantin, die aus der Lohnsklaverei in einer Textilfabrik ausbricht, um ein besseres Leben zu finden. Im Flüchtlingsbus landet sie an einer Art Raststätte. Von da an verläuft die Handlung wie bekannt. Ob nun Manon Armutsmigrantin ist oder vor dem Los der Klosterinsassin flüchtet, bleibt sich, was ihre Liebe zu Des Grieux, ihr Los als Sexarbeiterin und das der Verbannten angeht, völlig gleich. Daher liegt der Hauch von Beliebigkeit über der Produktion. Was aber stringentes und schlüssiges Erzählen nicht ausschließt. Und das macht Ollé handwerklich gediegen, doch im Grund auch sehr konventionell. Alles wie gehabt, so der sich verfestigende Eindruck. Der Mut zum echten Risiko fehlt. Denn leichtgeschürzte Damen aus dem Milieu regen in Frankfurt, wo das Rotlichtviertel nahe dem Opernhaus beginnt, selbst den stammabonnierenden Bäckermeister samt Gemahlin aus dem Hinter- oder Vordertaunus nicht auf. Und Manon gleicht, wenn schon das Gunstgewerbe zitiert werden soll, doch wohl eher einem Luxuseskort vom Format einer Nitribit. Ergreifend hingegen das Sterben der Titelfigur, die in den Armen des Geliebten immer schwerer lastet und dabei eine geradezu skulpturale Schönheit gewinnt, als verwandele sie sich in ihre eigene Grabfigur.

Die Bühne bestückt Alfons Flores mit einem „Love“ in monumentalen Lettern. In der Regel lässt so etwas das Allerschlimmste befürchten, schreibt doch dann oft der Bühnenbildner einfach hin, wozu ihm die Imagination fehlt. Hier freilich verhält es sich anders. Wenn das Dach der Raststätte sich aus dem Bühnenhimmel zu Boden senkt, dann - ein echter coup de théâtre - als Podium für eine Tabledancebar, die an Größe und Schick wohl jede Konkurrenz im benachbarten Bahnhofsviertel aussticht. Freilich ließe sich auch das Maxim der Lustigen Witwe in solcher Lokation betreiben.

Milieugerecht kleidet Lluc Castells Manon in allerhand bauchfreien und Glitzerkram, mit denen die Fummel aus dem unteren Marktsegment Effekt heischen wollen. Des Grieux kommt in dunkler Lederjacke daher. Geronte ist ein Parvenü, dem noch der einstige Ganove anzumerken ist.

Musikalisch siedelt die Produktion vor allem vokalsolistisch in der Oberklasse.

Weniger gilt das für Tilman Michael, dessen Chor der Oper Frankfurt lediglich achtbare Routine liefert. Mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester betont Lorenzo Viotti die Italianità der Partitur weitaus stärker als die Wagnereinflüsse. Auch musizieren Dirigent und Klangkörper delikat jene Passagen aus, die Puccinis Wirkung auf den musikalischen Impressionismus bezeugen. In Erinnerung bleiben flirrende Streicherläufe und sensibel ausgehörte Passagen im Holz. Freilich droht im Detailreichtum der Sinn für die Gesamtarchitektur des Werks verloren zu gehen.

Asmik Grigorian ist gegenwärtig die Manon schlechthin. Singen wird bei Grigorian zur Synthese aus höchster Kunstfertigkeit und gesteigerter Natürlichkeit. Wie selbstverständlich durchdringen Wort und Musik einander. Dermaßen stupend stehen Figur und Drama im Vordergrund, dass Grigorians schier unglaubliche gesangstechnische Finessen beinahe in den Hintergrund treten. Der Des Grieux von Joshua Guerrero hält da trotz vehementen Einsatzes nicht mit. Zu sehr fehlen tenorale Attacke und glanzvolle Höhe. Unerachtet der Fülle des Wohllauts, die Iurii Samoilov verbreitet, tönt aus seinem Lescaut zuweilen entschlossene Brutalität hervor. Donato Di Stefano verleiht Geronte darstellerisch wie vokal gefährliche Präsenz.