Madama Butterfly im Theater Heidelberg

Herzzerreißende Geschichte

Reißt einen die Woge der Glückseligkeit mit, dann hängt sprichwörtlich der Himmel voller Geigen. Verliebten passiert das, Frauen besonders heftig. Auch Cio-Cio San, das Fräulein Butterfly in Puccinis Dauerbrenner Madama Butterfly, wird ein Opfer ihrer träumerischen Illusionen. Bei ihr hängen zart-bunte Sonnenschirme vom Bühnenhimmel, doch im Verlauf der drei Akte werden sie welken und zerfleddern, so wie sich die Liebe zum amerikanischen Marineleutnant Pinkerton als Illusion erweist, denn für ihn war Spiel, was ihr bitterster Ernst. Regisseurin Adriana Altaras und ihre Ausstatterin Yashi haben dieses Symbol sehr poetisch ins Bild gesetzt, wie überhaupt die Inszenierung am Heidelberger Theater wesentlich von den optischen Eindrücken lebt. Fein und transparent eine Teehaus-Schiebewand auf dem (Hügel)Podest und fürs Chor-Volk aparte Kostüme, welche japanische Manga-Comics zitieren.

Von politischer Aktualisierung oder kolonialer Attitüde ist nichts zu spüren, denn Adriana Altaras konzentriert sich auf die Figurenzeichnung, um deren Befindlichkeiten offen zu legen. Und da widerfuhr den ständigen Freunden des Hauses ein seltsam anrührendes Déjà-vu-Erlebnis: Vor 13 Jahren gab's auch eine Madama Butterfly, doch plötzlich wurde das marode Theater wegen Sicherheitsmängeln quasi über Nacht geschlossen und die Premiere in die nahe gelegene Universitäts-Peterskirche verlegt. Dann sagte auch noch die Spitzensängerin ab und Hye-Sung Na sprang ein. Damals noch Studentin in Köln hatte sie die Partie erst einmal bei einer Hochschulaufführung gesungen. In Heidelberg feierte sie damals einen Triumph, den sie jetzt wiederholte. Denn sie lebt diese Rolle außerordentlich nahegehend aus. Wir sehen ein zerbrechliches Wesen, das an die große Liebe glaubt und sich gegen Konventionen durchsetzt. Eisern hält sie daran fest, dass ihr Geliebter wiederkehrt. Sie identifiziert sich mit Amerika, trägt Hosen und Turnschuhe und das Kind ihrer Liebe kramt die amerikanische Flagge hervor. Um so tiefer ihr Sturz ins Bodenlose, wieder im Kimono holt sie den heiligen Dolch hervor und unterwirft sich dem traditionellen Seppuku, der sich antut, wem Ehre und Ansehen verloren gegangen sind. Gesungen hat sie ausgezeichnet, parallel zu ihrer darstellerischen Zeichnung der Titelfigur. Was sie im Vergleich zu damals an ganz feinen Nuancen - vielleicht - verloren hat, gewann sie jetzt an Intensität, auch Strahlkraft und persönlichem Timbre.

Kleiner Umbruch im Ensemble. Neu ist Chaz`men Williams-Ali, ein tüchtiger Tenor mit Perspektive. Dem Linkerton gibt er eher stämmiges Profil, aber überzeugend in der Pose eines Mannes, der sich eher kleinlaut aus der Verantwortung stiehlt, da hilft auch die ordensbehängte Uniform nichts mehr. Auffällig gut Charakterbariton James Homann als mitfühlender Konsul Sharpless und Katarina Morfa als Vertraute Suzuki mit geschmeidigem Mezzo, plus ein gut aufgelegtes Ensemble.

Getragen werden sie von einem all die Emotionen auskostenden Philharmonischen Orchester. Wenn es im Überschwang ab und zu recht lautstark aus dem Graben pulsiert, mag es am dramatischen Aufriss liegen, den Generalmusikdirektor Elias Grandy als diskreten Kontrapunkt zur Inszenierung gewählt hat.

Sehr viel Zustimmung beim Premierenpublikum für eine sehr gefällige, an den Figuren orientierte Inszenierung.