Boris Godunow im Staatstheater Mainz

Zar in der Zwangsjacke

Dramaturgisch erhebt sich die Produktion auf starken Fundamenten. Denn mit gutem Grund entscheiden sich die Mainzer, die sonst oft fortgelassenen Polenbilder zu spielen. Für die Kontrastwirkung des Werks sind sie unerlässlich, konstituiert sich am Hof zu Sandomir doch eine westliche, allererst auch musikalische Gegenwelt.

Die beiden ersten Akte hindurch folgt Regisseur Wolfgang Nägele dem Handlungsgang so, dass eindringliche Bilder entstehen. Während der Krönungsszene posieren hinter dem frontal zum Publikum knienden Volk in einer Riesenvitrine das Weihrauchfass schwenkende Priester und die feingemachten Zarenkinder samt Amme. Boris als eigentliche Zentralfigur hingegen beobachtet die ihm geltende Haupt- und Staatsaktion vom Rand des Bühnenportals. Nägele stellt so den Pomp der Zeremonie vor Augen und hinterfragt ihn zugleich. In der Klosterzelle klammert sich Grigorij auf der Suche nach einer Vater- und Vorbildfigur an Pimen. Berührend auch der liebevolle Umgang des Zaren mit seinen Kindern. Sich zu ihr auf den Boden setzend, hört er der Tochter zu. In Fjodor, den Nägele unerfindlicher Weise zum Mädchen macht, sieht er bereits den Nachfolger und bekleidet ihn mit Krönungsmantel und Krone. Polen- und Schlussakt verkrampfen. Das erste Polenbild wird zur Karikatur mit Hofdamen als Schießbudenfiguren, der Mnischek als Julia-Timoschenko-Verschnitt und einem Popanz von Rangoni, der verdient, umgehend mit einem Wurfball abgetroffen zu werden. Im Garten zu Sandomir versagt sich Nägele die szenisch angemessene Umsetzung der schmissigen Polonaise. Statt ihrer hantieren polnische Magnaten mit Bücherstapeln. Offenbar hat der entlaufene Mönch Grigorij und nun falsche Thronprätendent Dimitrij die zu seiner Absicht auf den russischen Thron instrumentalisierte Pimen-Chronik als Tendenzschrift in Umlauf gebracht. Tatsächlich dringt das Pamphlet bis nach Moskau. Denn in der dortigen Duma werfen die Bojaren die Propaganda des Thronprätendenten auf den Müll. So weit, so nachvollziehbar. Doch aus dem Stück eben nicht abzuleiten. Denn der falsche Dimitrij inszeniert sich nicht mittels Kampfschrift. Der Usurpator setzt auf seine messianische Erscheinung. Auf sein Sendungsbewusstsein, Charisma und seine vollmächtige Rede. Der wahnsinnige Boris geistert schließlich in Zwangsjacke durchs Moskowiter Adelsparlament, doch so, dass von den noch ungebundenen Armen die Fixierbänder pittoresk herunterhängen dürfen. Vor dem Umstand, dass im Sterben der Zar seine Würde und menschliche Größe zurückerlangt, kapituliert Nägele zu Gunsten eines weiteren erklügelten Spiegeleffekts. Denn wie der Spielleiter polnische Magnaten und russische Bojaren sich zur gedruckten Propaganda des falschen Dimitrij verhalten lässt, so steckt er zusätzlich zum Zaren auch den Gottesnarren in die noch un- oder wieder aufgebundene Zwangsjacke. Ausgerechnet den einzigen, dem - außer dem Herrscher - frei zu reden erlaubt ist.

Weit öffnet Stefan Mayer die Bühne. Darin besteht ihr entschiedener Vorzug. Ansonsten herrscht die Anmutung großflächiger Sperrholzwände vor. In Polen begegnen Birkenstämme wie aus Schaufensterdekorationen von Kaufhäusern entliehen.

An Garderobe bietet Annette Braun ein Mixtur aus historischen Reminiszenzen, Folklore und Heutigem auf. Weshalb auf der Lichtung bei Kromy ein mittelalterlicher Ritter sein Unwesen treibt, erschließt sich nicht.

Immerhin kann die Produktion - selbst eingedenk allfälliger Premierenwackler - chorisch und orchestral überzeugen.

Chor und Extrachor des Mainzer Staatstheaters sowie Mitglieder des Mainzer Domchors lässt Sebastian Hernandez-Laverny erstaunlich schlank und transparent tönen. Da wird keine Effekthascherei betrieben, sondern vielmehr eine Klangkultur bewiesen, die zwar aufs Monumentale, nie aber auf bloß äußerlichen Pomp zielt.

Hermann Bäumer und das Philharmonische Staatsorchester Mainz adeln den Abend aus dem Graben. In Mainz gewinnt Mussorgskijs originale Instrumentation ungewohnte Fülle und selten gehörtes Feuer. Da tönen selbst die Streicher unerhört satt.

Derrick Ballard geht die Titelfigur in Prolog und erstem Akt auch vokal sorgsam zwischen öffentlicher und privater Rolle differenzierend und dabei ebenso wohllautend und markant wie durchschlagskräftig an. In der Duma lässt die Intensität deutlich nach. Für Dimitrij führt Matthias Koziorowski tenorale Spintoqualitäten ins Treffen, es fehlt aber der heldische Kern. Alexander Spemann verfügt über einen Schuiskij sehr entgegen kommenden hellen Tenor. Doch gestaltet er die Partie allzu belcantesk und harmlos. Linda Sommerhage gelingt, Durchtriebenheit mit ebenso runder wie voller Tongebung zu vereinbaren. Auch alle weiteren Partien im Riesenensemble sind angemessen besetzt.