legende im Volksbühne Berlin

Kampf um die Deutungshoheit

Es war einer dieser Abende, die versuchen, das große Ganze, die Welt und alles andere in ihren Umlaufbahnen greifbar zu machen, einer dieser Abende, wie sie wahrscheinlich nur die Berliner Volksbühne kreieren kann: Bunt, Plaste, Retro-Schick, große (Bühnen-)Bilder, klare Sprache, ostentative Gesten der Schauspielerinnen und Schauspieler und letztlich der Appell an die Zuschauer: Welt ändere Dich und trage Du dazu bei.

Regisseur Stefan Pucher hat einen Stoff reanimiert, der wahrscheinlich irgendwie ein bisschen durch die Zeit gefallen scheint: inhaltlich als auch sprachlich! legende ist das Mammut-Werk von Ronald M. Schernikau, an dem der Autor acht Jahre gearbeitet haben soll.

Zu Lebzeiten erlebte er es nicht mehr, dass sein Stoff verlegt wurde und so den Dialog mit einer breiteren Öffentlichkeit fand – kurz nachdem er sein Manuskript an die ersten Verlage verschickt hatte, starb er.

Schernikau, in Magdeburg geboren, war der erste und einzige Westler, der in den 80er-Jahren am Leipziger Institut für Literatur studieren durfte. Und: Er war eine schillernde Persönlichkeit. Er war schwul, Kommunist und ließ sich schließlich von der DDR einbürgern. 1991 starb er laut Medienberichten an Aids.

Legende ist ein Buch vom Leben, ist ein Lebensbuch, das den atheistischen Glauben an eine Welt aufrecht hält, die besser sein sollte als die gottgegebene“, schreibt der im Programmheft zitierte Bernd Heimberger zu legende.

Die Götterdämmerung bricht an und die Götter „fifi“, „kafau“, „stino“ und „tete“ sitzen im Himmel und stellen fest: Es gibt keine neuen Götter mehr.

Das Glück wollen die Götter in die Welt bringen. Nichts weniger! Klingt nett und poetisch, doch dann wird der Stoff politisch: die Vergangenheit ist West-Berlin – die Zukunft die DDR. Utopia ist kommunistisch? Schon, ja!

Und hoppla, die Götter sind nicht einfach Götter, sondern unter anderem politische Terroristen: Fifi war zu Lebzeiten Ulrike Meinhof, kafau war einst die berühmte Schauspielerin Theresa Giehse, stino hieß Max Reimann (Vorsitzender der KPD), tete war Klaus Mann, der bekannte Schriftsteller.

Schernikau scharmützelt in „legende“ mit politischen und gesellschaftlichen Stereotypen - exzentrisch, spleenig und unterhaltsam. Das überaus ästhetische und aufwändige Bühnenbild, das der collagenhaften Anlegung des Textes entspricht (Bühne: Barbara Ehnes), ist alleine schon einen Besuch von legende wert. Gut funktioniert auch die musikalische Untermalung mit Live-Gesang und anderen klanglichen Elementen.

West gegen Ost? Im Jahr 2019 erscheint Schernikaus Auseinandersetzung mit den Stereotypen der jungen BRD teilweise sicherlich etwas weit weg.

Die in sich stimmige Übersetzung von Pucher überzeugte die Besucherinnen und Besucher bei der Volksbühnen-Premiere in jedem Fall.